Das Manifest

IMG_7906 - Arbeitskopie 2

Foto: Gottfried Böhme

 

DER MENSCH IST KEINE MASCHINE

Zur Verteidigung der Menschenwürde gegen ihre Widersacher im digitalen Zeitalter

Das Tempo, mit dem digitale Techniken unsere Wirklichkeit verändern, ist atemberaubend. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Rahmenbedingungen dafür, wie wir miteinander kommunizieren, wie Güter produziert werden und das Land verwaltet wird, wie Bildung vermittelt wird, wie vor allem junge Menschen Freizeit verbringen, wie Wahlkämpfe geführt und Kriege vorbereitet werden (man könnte die Aufzählung fortsetzen) spürbar geändert – und weitere gewaltige Veränderungen sind absehbar. Häufig wird diese Entwicklung so dargestellt, als ob sie schicksalhaft über uns käme; dabei sind es Menschen aus Fleisch und Blut, die durchaus im Eigeninteresse diese Umgestaltung zielstrebig organisieren oder befördern. Dass eine Reihe von denjenigen, die in der Spätphase der DDR die Notwendigkeit zum Widerspruch auf die Straße trieb, sich jetzt wieder zu Wort melden, ist deshalb nur konsequent: Wir entdecken in der digitalen Umwandlung unserer Gesellschaft totalitäre Züge, die uns in unseren bürgerrechtlichen Intentionen zuwider sind.

Viele Politiker und Ökonomen sind beunruhigt, weil sie meinen, dass Deutschland zu spät auf den Zug aufspringe, und wollen uns dazu animieren, uns in noch ganz anderem Umfang auf diese neuen Techniken einzulassen. Dies zeugt von einer erschreckend einseitigen Sicht. Es blendet die Schattenseiten solcher Veränderungen aus, vor allem, dass sie auch das Verständnis des Menschen von sich selber betreffen.

Uns ist aufgefallen, wie viele derjenigen, die diese Veränderungen wissenschaftlich oder technisch vorbereiten oder vermarkten, bereits heute davon sprechen, dass der Mensch nichts anderes sei als eine Maschine – oder, noch genauer: als ein Roboter, dessen Bauelemente im Gegensatz zu den technischen Robotern biologischer Natur seien und dessen Software die Evolution geschrieben habe. Aber nicht nur diese mit der Digitalisierung beruflich befassten Experten, sondern etliche Philosophen, Wirtschaftskapitäne, Journalisten usw. sind inzwischen bereitwillig zu dieser Kerntruppe gestoßen. Die These vom Menschen als Bioroboter hat von einem sehr aktiven Teil unserer Eliten Besitz ergriffen.

Begünstigt wird diese Neudefinition vom Menschen durch die Fortschritte bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz und der Robotik. Je ausgefeilter die Produkte sind, die uns die neuen Techniken ins Haus liefern, desto plausibler scheint diese Neudefinition. Zeitgenossen, die glauben, dass man demnächst Maschinen Bewusstsein und Gefühle „implantieren“ könne, aber genau so auch Jugendliche, die sich mit den von ihnen am Bildschirm konstruierten Avataren emotional identifizieren, mögen dem Trugschluss erliegen, dass sie selber letztlich auch nicht anders „funktionieren“ als diese digital gesteuerten technischen bzw. virtuellen Wesen. Die These, dass Menschen letztlich Maschinen sind, spiegelt sich in der These, dass die Maschinen bald ein menschengleiches Innenleben besitzen werden. Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine scheint sich aufzulösen. Ein von Technikern und Naturwissenschaftlern entworfenes Menschenbild macht sich subversiv breit und verdrängt allmählich die differenzierte, respektvolle, zurückhaltende und plurale Art und Weise, wie wir in den besseren Zeiten unserer Vergangenheit über den Menschen gesprochen haben.

Solche technischen Phantasien haben Folgen, sie sind keine rein theoretischen Spielereien. Denn sie verändern Zug um Zug auch die Art und Weise, wie der Mensch mit seinesgleichen umgeht. Die Achtung vor der Würde jedes Einzelnen geht verloren, wenn wir in ihm eine Maschine sehen. Uns scheint es deshalb höchste Zeit, daran zu erinnern, dass diese Sichtweise keineswegs unumstritten ist. Im Gegenteil: Nüchternere Wissenschaftler und Philosophen erheben gewichtige Einwände gegen dieses verkürzte maschinelle Verständnis vom Menschen und die Möglichkeit, Bewusstsein oder Gefühle technisch nachbauen zu können.

  • So lange kein Mensch weiß, wie unser Bewusstsein entsteht bzw. woher es kommt – und diese Fragen kann bis heute niemand beantworten – kann man es weder nachbauen noch ernsthaft behaupten, dass Maschinen je Bewusstsein haben werden.

  • So lange wir die Frage, ob der Mensch vollständig determiniert ist, vollkommen kontrovers diskutieren, hängt die These in der Luft, dass er eine programmierte Maschine sei – die agieren nämlich völlig determiniert.

  • Phänomenologen weisen darauf hin, dass die Zeitstruktur jedes Erlebens nicht mit der von naturwissenschaftlichen Prozessen übereinstimmt. Warum das so ist, weiß kein Mensch. Nachbauen kann man diese andere Zeitstruktur nicht – wie soll also jemals wahre künstliche Intelligenz entstehen?

  • Selbst wie man den Basisbegriff der Steuerungstechnik, den Informationsbegriff, definieren muss, ist unter Wissenschaftlern umstritten.

  • Ausgeblendet von all denen, die den Menschen als informationsverarbeitendes Biosystem begreifen, werden alle religiösen Erfahrungen, weil sie nicht in das Schema naturwissenschaftlicher Deutungsmuster passen: Nahtoderfahrungen genau so wie mystische Erlebnisse, ja selbst das Gefühl, von guten Mächten wunderbar umgeben zu sein, das dem von den Nationalsozialisten inhaftieren Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis Kraft und Halt gab.

  • Last not least widersprechen die Erkenntnisse der Quantenphysik einem mechanistischen Verständnis des Menschen.

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass das für gültig gehaltene je aktuelle Wissen über die Natur missbraucht wird, um eine verkürzte Definition des Menschen zu verkünden. Aber wir Menschen waren nie gut beraten, wenn wir unsere eigene Spezies durch solche zeitgebundenen wissenschaftlichen Erkenntnisse meinten definieren zu können. Es waren die schwärzesten Stunden der neueren europäischen Geschichte, in denen die jeweiligen politischen Eliten sich ein so konstruiertes Menschenbild zu eigen machten. Eugenische Vernichtungsprogramme wie die rassistische Unterdrückung ganzer Völker – so aber auch das Prokrustesbett, in das die Marxisten-Leninisten den Menschen einspannten, – demonstrieren auf bedrückende Weise, wohin derartige wissenschaftliche Hybris führt.

Um den Umfang der Gefahren ermessen zu können, den die gegenwärtige alle Lebensbereiche verändernde digitale Revolution neben den vielen bejubelten Verbesserungen unseres Lebens birgt, müssen wir genauer hinsehen:

  • Die Privatsphäre des Menschen schmilzt zusammen, wenn Menschen immer geschickter dazu verführt werden, persönliche Daten meist auch noch freiwillig preiszugeben und sich sehr neugierige Geräte in die Wohnung zu stellen.

  • Der zivilisierte Umgang miteinander leidet, wenn immer häufiger auf Internetplattformen Spontankommentare erbeten und gegeben werden.

  • Anfällige Menschen erliegen schon heute viel zu oft dem Suchtpotential, das verführerische Internetportale und –spiele in sich bergen.

  • In den Jahren, in denen Menschen am aufnahmefähigsten sind und früher die Basis für ihre weitere Entfaltung gelegt haben, verlieren sie einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit durch I-Spiele und Social Media.

  • An die Stelle direkter und multipolarer Beziehungen zwischen dem Einzelnen und den vielen Anderen oder der Gesellschaft treten die von Plattformen gestalteten, die alle anderen mehr oder weniger ablösen.

  • Der Respekt vor Menschen, die religiöse Überzeugungen besitzen, wird abnehmen, wenn der Mensch als rein diesseitiger Bioroboter gesehen wird.

  • Die Unterschiede zwischen Reich und Arm könnten sich dramatisch vergrößern, wenn der Zugang zu Informationen den sozialen Status festlegt und die Plattformen alles platt machen, was sich ihrem Diktat nicht beugt.

  • Die Mechanismen der Marktwirtschaft werden versagen, wenn es nicht gelingt, den Plattformkapitalismus zu bändigen.

  • Die Personalisierung des Informationszugangs zersetzt die demokratische Öffentlichkeit und erschwert durch die berüchtigten Filterblasen zunehmend den öffentlichen Diskurs.

  • Und das Ganze belastet auch noch unsere Umwelt, weil entgegen vielen Versprechungen die Digitalisierung äußerst energieintensiv ist – der Energiehunger der Server ist schier unersättlich.

Wenn eine geschichtlich neue Kraft unkontrolliert immer mehr Bereiche des Lebens und der Gesellschaft beeinflusst – wenn sie den privaten wie den öffentlichen Sektor, das Bildungswesen wie die Berufswelt durchdringt – dann ist eine Voraussetzung für die Errichtung einer totalitären Herrschaft gegeben. Kommt noch eine Ideologie dazu, wird es richtig gefährlich. Das nationalsozialistische Regime basierte auf dem Glauben an die Überlegenheit einer „arischen Rasse“ und an den Führer. Die Kommunisten glaubten an den Klassenkampf und erklärten sich zur Avantgarde des Proletariats. Heute sollen wir uns selber als Roboter begreifen und den unbestechlichen Qualitäten von Algorithmen vertrauen, obwohl diese keiner wirksamen öffentlichen Kontrolle unterliegen.

Deutschland hat es zwei Mal erlebt, dass totalitäre Herrscher, die sich durch ein pseudowissenschaftliches Menschenbild legitimiert fühlten, ein Unrechtssystem errichteten und Angst und Schrecken verbreiteten. Der neue totalitäre Angriff kommt auf leiseren Sohlen daher. Und deshalb ist das Verderben, das er mit sich bringen könnte, in seinem tatsächlichen Umfang noch gar nicht zu ermessen.

Es ist ein Alarmzeichen, dass einer, der seit Jahrzehnten selber dieser Szene angehört, heute schreibt: „Es besteht die reale Gefahr, dass sich evolutionäre Psychologie, Künstliche Intelligenz und die Verherrlichung von exponentiellem Wachstum zu etwas ganz Großem auswachsen. Denn es geht um nicht weniger, als die Software zu schreiben, die unsere Gesellschaft und unser Leben steuert.“ Jaron Lanier, von dem diese Worte stammen, prophezeit, dass Millionen von Menschen unter der Ideologie dieser „intellektuellen Cyber-Totalitaristen“ leiden werden, wenn es nicht gelingt, ihre Macht zu brechen.

Die Erfindung des Internets verfolgte ursprünglich die großartige Idee, Wissen weltweit auf sehr einfache Weise jedem Interessenten zugänglich zu machen. Dann aber bemächtigten sich exponentiell wachsende Firmen der dafür entwickelten Technik und verwandelten eine der wichtigsten Innovationen der Menschheitsgeschichte in ein Instrument, das in rasendem Tempo unser Leben, unsere Vorstellung von uns selber und unsere Gesellschaften verändert und dabei immer größere Schäden anrichtet. So schnell wie möglich muss Google, Facebook, Amazon und all den anderen Betreibern diese Gestaltungsmacht entzogen und neu verhandelt werden, unter welchen Konditionen die digitalen Techniken zum Einsatz kommen dürfen, so dass sie wirklich zum Segen und nicht zum Fluch der Menschheit werden.

Wir sind nicht gewillt, tatenlos zuzusehen, wie unsere Freiheit und Privatsphäre, unser zivilisierter Umgang miteinander, die Achtung vor dem Glauben anderer, unsere Sozialstruktur, unsere Marktwirtschaft, unsere Demokratie und unsere Umwelt einem digitalen Abgott geopfert werden. Wir sehen die Gefahr, dass unser Land in eine neue Art von totalitärer Herrschaft hineinschlittert, die in diesem Fall nicht von politischen Eliten, sondern von Datenmonopolisten ausgeübt wird. Wir sind beunruhigt, dass das diese neue totalitäre Herrschaft begünstigende Menschenbild von keinem Politiker, vor allem nicht von den für Bildung Verantwortlichen in den Blick genommen wird. Während erhebliche Mittel bereitgestellt werden sollen, um Klassenzimmer digital aufzurüsten, während – durchaus verständlich – gefordert wird, dass unsere Schüler und Schülerinnen das Programmieren lernen sollen, vermisst man in den Bildungsprogrammen der Berliner Koalitionäre und in den Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz jeden Hinweis auf die zwingend notwendige Auseinandersetzung mit dem kybernetischen Menschenbild.

Wir rufen die Nutzer sozialer Netzwerke, Lehrer, Pfarrer, Politiker und Medien dazu auf, das ihre dazu beizutragen, diese Einseitigkeit zu überwinden und damit die Chance zu erhöhen, dass wir es sind, die die digitalen Techniken beherrschen und nicht sie uns.

Gelingen kann das aber nur, wenn immer mehr Menschen sich den Strategien der smarten Diktatoren verweigern. Wenn sich über alle Grenzen hinweg alle Davids ihrer Macht bewusst werden im Kampf gegen die Goliaths aus einem trockenen kalifornischen Tal. Wenn die westliche Intellektuelle mit dem östlichen Bürgerrechtler, Atheisten mit Christen, Junge mit Alten, der Lehrer mit der dekorierten Professorin, die Schriftstellerin mit dem Techniker gemeinsame Sache machen. Wir dürfen die Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag im digitalen Zeitalter nicht den Experten und schon gar nicht denen, die sich mit Start-Ups eine goldene Nase verdienen, überlassen. Eine breite zivilgesellschaftliche Debatte ist notwendig. Demokratie ist immer die Herrschaft der Laien, nicht der Experten.

Die Erfahrungen von 1989, als ebenfalls Menschen sehr unterschiedlicher Milieus zusammenfanden, sind ermutigend: Diktatoren, die sich ihrer Macht ganz sicher sind, können gestürzt werden. Auch damals gab es immer wieder Momente, wo der Einzelne verzagte. Aber dann stellten sich günstige politische Rahmenbedingungen ein, die von der politischen Opposition zielstrebig genutzt werden konnten – und plötzlich erwiesen sich die angeblich so allmächtigen Parteibonzen als Scheinriesen.

Auch Google, Amazon und ihre Vettern und Cousinen sind Scheinriesen, sie wissen es nur noch nicht! Sobald immer mehr Menschen sich über ihre Geschäftsmodelle aufregen und ihre diktatorischen Intentionen durchschauen, beginnen sie erbärmlich zu schrumpfen. Der Lauf der Geschichte lässt sich nicht errechnen. Wir sind es, die ihn beeinflussen. Es gibt viel, viel mehr analoge Davids als digitale Goliaths.

Worauf warten wir noch?

 

Dieses Manifest haben unterzeichnet (in alphabetischer Reihenfolge):

Stephan Bickhardt

Heidi Bohley

Gottfried Böhme

Dr. Martin Böttger

Professor Dr. Rainer Eckert

Dr. Hans-Jürgen Fischbeck

Dr. Matthias Gretzschel

Gabriele Heide

Gisela Kallenbach

Ines-Maria Köllner

Bernd-Lutz Lange

Heiko Lietz

Liane Plotzitzka

Frank Pörner

Siegfried Reiprich

Frank Richter

Lothar Rochau

Dr. Aribert Rothe

Dr. Gottfried Schleinitz

Andreas Schönfelder

Werner Schulz

Uwe Schwabe

Rolf Sprink

Wolfgang Templin

Michael Turek

 

Das Manifest kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden: Manifest Der Mensch ist keine Maschine

 

IMG_7872

Drachen können besiegt werden: Drachendenkmal in Krakau – Foto: Gottfried Böhme

Bei der Erstellung dieser Website half freundlicherweise und unentgeltlich Uwe Willmann, dem wir dafür herzlich danken!

Advertisements