Der Begleittext zum Manifest von Gottfried Böhme

 

Der Mensch ist keine Maschine…

… Aber er verbindet sich immer stärker mit Maschinen. Auch dadurch wird er nicht zu einer Maschine, aber diese gewinnt immer mehr Macht über ihn. Und schon glauben manche Menschen, sie seien selber nichts anderes als hochkomplexe Roboter, sie seien – Bioroboter.

Diesen Begleittext verantwortet nur der Autor. Ich habe sehr profitiert von zahlreichen Tipps der Unterzeichner, die seine Entstehung begleitet haben, aber der Text ist nicht das Ergebnis eines Abstimmungsprozesses, wie das beim eigentlichen Manifest der Fall ist. Er dient der Veranschaulichung der oft thesenhaft verknappten Gedankengänge des Manifests.

Der Begleittext kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden: Begleittext zum Manifest

 

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Alle Fotos vom Autor aus einer Serie über die Relikte der Industrie 1.0 und 2.0 im Filstal (80-er Jahre)

 

I. Homo Digitalis oder: Der vergiftete Mensch

Homo digitalis nennt der Kultursender Arte eine spannende Serie, in der die exprimentierfreudige Moderatorin Helen Fares besonders krassen Formen der Digitalisierung nachgeht. Sie fragt sich folgendes: „Wie lange sind wir noch Mensch? Werden wir irgendwann virtuelle Freunde haben? Sex mit Robotern besser finden als den echten? Unseren eigenen Körper hacken? ‚Homo Digitalis’ stellt die Zukunftsfrage überhaupt: Was macht die digitale Revolution mit uns als Menschen?“[1]

Ich weiß nicht, ob dem Sender bei der Titelwahl die Doppelbödigkeit des Begriffs Digitalis bewusst war. Mit dem Begriff assoziieren wir heute automatisch neue Techniken. Aber Digitalis ist auch der lateinische Name für eine Pflanzenart: den Fingerhut. Und der hat es in sich. Der enthält nämlich Glykoside. Wikipedia erläutert: „Oft werden die Herzglykoside auch als Digitaloide oder vereinfachend nur als Digitalis bezeichnet, in Anlehnung an den Fingerhut, der diese Stoffe enthält.“

Glykoside gehören zu den wirksamsten Giften weltweit. Nur wenige Pflanzen und Tiere produzieren sie, darunter bestimmte Urwaldkröten, aus deren Sekret die Indianer Südamerikas das tückische Pfeilgift entwickelt haben, und eben der Fingerhut, von dem man, wie alle Eltern ihren Kindern einbleuen, gefälligst die Finger lassen soll. Er ist so schön wie toxisch. Wer ihn unkontrolliert zu sich nimmt, riskiert schon durch den Verzehr zweier Blätter sein Leben. Kontrolliert hingegen spielt er in der Arzneimittelkunde eine Rolle.

Homöopathen, die die Wirkung der verschiedenen Substanzen besonders gründlich untersuchen, weil sie davon ausgehen, dass diese, stark verdünnt, zur Heilung der Symptome eingesetzt werden können, die sie unverdünnt auslösen, sprechen Digitalis unter anderem folgende Eigenschaften zu:

„Die Patienten haben eine große Angst vor der Zukunft. Sie malen sich aus, dass ihr Herz ganz stehen bleiben könne oder sie in der Nacht ersticken würden. (…) Sie haben eine pessimistische Grundeinstellung und sind häufig niedergeschlagen. (…) Sie entwickeln einen Hang zur Einsamkeit. Ihre intellektuellen Fähigkeiten und ihr Gedächtnis verschlechtern sich.“ Digitalis wird von Homöopathen in entsprechender Potenz für die Heilung folgender Organe eingesetzt: „Herzmuskel, Reizleitungssystem, Gehirn, Prostata“.[2]

Meint Arte mit dem Titel seiner Serie über die „digitale Revolution“ vielleicht etwas ähnliches wie die Homöopathen: dass uns diese Techniken, dosiert eingesetzt, durchaus helfen könnten, die Zukunftsaufgaben zu lösen, dass ihr unkontrollierter Einsatz jedoch den Menschen vergiftet?

II. Der Osten als Demokratielabor Deutschlands

Seit die politischen Auseinandersetzungen hier im Osten der Republik heftige, manchmal leider auch abstoßende Formen angenommen haben, meinen manche westdeutsch sozialisierte Bürger, die es vor Jahren in unsere Gefilde verschlagen hat, öffentliche Erklärungen abgeben zu müssen, warum sie dem Osten jetzt „enttäuscht“ den Rücken kehren. Für sie hat der Osten „versagt“. Zweifellos: die Angriffe auf Flüchtlingsheime sind empörend und bedrückend. Dennoch geht es mir ganz anders als diesen Schiedsrichtern in einem deutsch-deutschen Endspiel. Gerade weil zwischen Usedom und Erzgebirge die unterschiedlichsten Meinungen härter aufeinanderprallen als zwischen Flensburg und Bodensee, weil die Umwälzungen der letzten drei Jahrzehnte in Mecklenburg oder Sachsen tiefere Blessuren hinterlassen haben als der vergleichsweise geruhsame Wandel in Bayern oder Niedersachsen, sind die Diskussionen über politische Fragen leidenschaftlicher, ist aber auch die Bereitschaft, neue Pfade des demokratischen Umgangs auszuprobieren, viel größer. Der Osten ist heute das Demokratielabor Deutschlands.[3] Das macht das Leben im Osten spannender als im Westen.

Es passt gut zu dieser aufgewühlten Situation, dass gerade hier ein Manifest gegen die Gefahr einer neuen totalitären Herrschaft Gestalt annahm. Unterschrieben wurde es von 24 derjenigen, die teilweise schon 1988 und ganz sicher 1989 auf die Straße gingen, weil sie nicht mehr bereit waren, sich der Autorität der greisen SED-Funktionäre zu beugen. Die aktuelle Gefahr geht von viel jüngeren Akteuren aus. Sie heißen Google, Facebook und Amazon und beziehen ihre Macht daraus, dass sie sich die jungen digitalen Techniken unter den Nagel gerissen haben. In dem Bestreben, mit ihnen Geld und Macht zu erwerben, versuchen sie in immer mehr Bereichen unsere Gesellschaft und unser Leben gemäß ihren Interessen umzukrempeln.

Ein Kuriosum ist freilich, dass der Rohtext dieses Manifests nicht von einem DDR-Bürgerrechtler stammt, sondern von einem Lehrer, der 1989 noch in einer schwäbischen Kleinstadt unterrichtete und erst 1992 Leipziger Bürger wurde. Mich selber irritiert die Rolle, in die ich hier hineingerutscht bin. Aber die anderen am Manifest Beteiligten haben sich damit erst gar nicht aufgehalten, vielleicht ein wenig geschmunzelt, im übrigen hunderte Mails mit mir gewechselt, von denen viele sehr warmherzig, andere äußerst strukturiert und rational, manche lakonisch-kurz, aber alle in dem Geist geschrieben wurden, sich in einen keineswegs schicksalhaften Prozess mit dezidiert demokratischen Vorstellungen einzumischen. Aus meinem Rohling und ihrer Feinarbeit entstand zwischen Januar und April 2018 das Manifest Der Mensch ist keine Maschine.

Man stelle sich vor, ein Nichtschwabe würde ein Pamphlet verfassen und exklusiv waschechte Schwaben um Verbesserungsvorschläge sowie eine Unterschrift bitten. Jeder, der die Schwaben kennt, weiß: das ist eine groteske Idee! Aber genau das passierte mit umgekehrtem Vorzeichen bei der Erarbeitung dieses Manifests. Man kann es nicht genug betonen: auch das ist der Osten!

Sollten 24 Bürger im Westen den Versuch unternehmen, sich auf eine Stellungnahme zu den digitalen Techniken und ihren Einfluss auf unser Leben zu einigen, so fürchte ich, es käme ein schlechter Mittelstufenaufsatz heraus: Erst die Argumente, die für eine Digitalisierung unseres Lebens sprechen, dann die Gefahren, die von ihr ausgehen. Am Ende wüsste man: teils-teils. Abgeklärt und wohlinformiert, wie die Gesellschaft im Westen ist, hätten die fiktiven 24 Unterzeichner von allem schon gehört. (Und wenn nicht, dann würden sie dies tunlichst verschweigen.) Noch häufiger würden sie schulterzuckend darauf verweisen, dass der digitale Schnellzug längst abgefahren sei, eine Debatte also im Grunde zu spät komme. Dies war jahrelang der Tenor ganz vieler Artikel über den „digitalen Wandel“ – und lauscht man den Worten unserer Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, so hat sich daran bis heute wenig geändert. Einen Meinungsumschwung brachte erst der Facebook-Skandal.

Sträflich wäre es allerdings zu verschweigen, dass einzelne westliche Autoren in brillanten Analysen auf die Gefahren des Internets hingewiesen haben – auf ihre Erkenntnisse werde ich zurückkommen, wenn ich dem Manifest gleich einen argumentativen Resonanzkörper gebe. Der Brückenschlag ist also möglich und scheint mir auch dringend erforderlich, weil die anstehende Bändigung des Internets wahrlich keine kleine Aufgabe ist.

Wir veröffentlichen also keinen Erörterungsaufsatz, sondern ein Manifest. Seine Unterzeichner gehen das Risiko ein, dass man sie für Maschinenstürmer halten wird. Dieses Risiko nehmen sie in Kauf, weil sie wissen, dass man nur durch klare Worte den breiten demokratischen Diskussionsprozess befördern kann, der notwendig ist, um die digitalen Techniken aus einer Bedrohung für die Menschheit in ein Mittel zur Lösung der großen Zukunftsaufgaben zu verwandeln.

Das Manifest – ursprünglich sehr viel facettenreicher geplant – hat jetzt eine eher knappe Form. Das hat zur Konsequenz, dass es sehr thesenhaft daherkommt. Um diesen Mangel zu kompensieren, erscheint es sinnvoll, ihm den hier anschließenden längeren Essay an die Seite zu stellen, in dem seine Thesen erläutert und illustriert werden.

III. Eine alte Frage: Was ist der Mensch?

Auf die große Frage, wer wir sind, gab es in unserer Kultur schon viele große Antworten. Bei Sophokles lesen wir: „Ungeheuer ist viel. Doch nichts Ungeheurer als der Mensch.“[4] Die ganze Ambivalenz des Menschen – all das, was er Ungewöhnliches geleistet hat und auch die Gefährdung, die von ihm wie von nichts sonst ausgeht, wird in den folgenden Versen des Chorliedes beschrieben.

Noch radikaler haben die Juden den Menschen definiert: im Gründungsdokument ihrer Religion, den Büchern Moses lesen wir: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (1. Buch Moses 1, 27) Damit der Mensch sei, bedarf es eines Gottes. Und er trägt sogar seine Züge.

Selbst Jahrtausende später schreibt der junge Hermann Hesse voll Ehrfurcht: „Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Feindliches. Er ist ein von unbekanntem Berge hereinbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung.“ (aus: Unterm Rad)

So verschieden auch über den Menschen gesprochen wurde: Dass der Mensch aus der ganzen übrigen Natur bzw. Schöpfung heraussticht, war lange Zeit Konsens.

Dieser Konsens gilt nicht mehr.

Dass er „ungeheurer“ sein soll als alles sonst, bezweifeln viele, seit Techniker drauf und dran sind, ihm einen Konkurrenten zu schaffen, der es angeblich locker mit ihm aufnehmen wird: die AKI, die allgemeine künstliche Intelligenz, wie es im Jargon der Experten heißt. Und die kann, hören wir, noch viel gewaltigere Dinge als unseresgleichen.

Dass er ein Ebenbild Gottes sein soll, scheint vielen noch abwegiger, da sie an keinen Gott glauben.

Und dass er nicht berechenbar sein soll, wie Hermann Hesse schrieb, bezweifeln nicht nur die großen Datenkonzerne und Geheimdienste, die öffentlich oder heimlich, legal oder illegal immer differenziertere Profile von uns anlegen, sondern auch diejenigen, die demnächst Roboter bauen wollen, denen sie zutrauen, ein vollwertiger Ersatz des Menschen zu sein. In der Erwartung, dass der erste derartige Androide bald von der Kinoleinwand hinunter ins Parkett steigt, ändert sich heute schon unser Selbstverständnis: was sollte dagegen sprechen, dass auch der Mensch im Prinzip so funktioniert wie dieses Wunderwerk der Ingenieurskunst – bloß dass er aus anderen Bausteinen zusammengesetzt ist? fragen uns die Systemtheoretiker.

Wir sollen Bioroboter sein

Das Auftauchen eines mit unserer Spezies erfolgreich konkurrierenden Roboters war lange Zeit eine ferne Utopie, scheint inzwischen aber für viele Zeitgenossen zu einer Sache der Naherwartung geworden zu sein. Deshalb werden wir zum ersten Mal in der Geschichte nicht mehr nur von verwegenen Außenseitern, sondern von einem nicht unerheblichen Teil unserer Eliten selber als Maschine betrachtet – genauer: als Bioroboter. Noch sind die in der Minderheit, die so denken. Sie werden sogar belächelt. „Dumm wie ein Sieb“ seien diese Roboter, schreibt Manfred Dworschak in einer Kolumne im Spiegel.[5] Er bezieht sich darauf, dass diese Roboter intellektuell zu kaum mehr in der Lage sind, als aus ungezählten Informationen Muster herauszufiltern – was ihre Erbauer „Lernen“ nennen.

Die Erwartung, dass demnächst menschenähnliche Roboter gebaut werden können, und die Beschreibung des Menschen als Bioroboter sind zwei Seiten einer Medaille. Um die Neudeutsch-Formulierung aufzugreifen: Was macht das mit Dir – dass Du ständig Ebenbilder des Menschen gezeigt bekommst, die scheinbar wie Du sprechen, sehen, sich bewegen können? Nicht dass auch nur eine dieser Fähigkeiten heute schon überzeugend imitiert werden könnte. Der Unterschied zwischen Original und Fälschung ist nach wie vor unübersehbar. Aber die Fantasien sind da und überaus wirkungsmächtig. Wer glaubt, dass man den Menschen demnächst technisch nachbauen kann, der beginnt daran zu zweifeln, ob diese Geräte wirklich nur Zombies sein werden – also Roboter, die immer nur imitieren, dass sie wie wir die Wirklichkeit subjektiv erleben – und er sieht dann auch keinen Grund mehr, daran zu zweifeln, dass wir selber eben auch nichts anderes sind als solche Roboter – natürlich aus anderem Material als diese, sozusagen echt bio. Konsequent, unseren Ebenbildern dann auch die Staatsbürgerschaft zu verleihen, wie 2017 in Saudi-Arabien geschehen, wo Sophia, ein Audrey Hepburn nachempfundenes Geschöpf der Firma Hanson Robotics, in einem Interview mit seinem Erbauer vorführte, dass sie nicht nur antworten, sondern dazu auch die passende Mimik entwickeln kann. Was den Scheichs offensichtlich so gut gefiel, dass sie sie juristisch zur Staatsbürgerin ernannten.

Im März 2017 hatte Sophia David Hanson auf dessen spaßhaft gemeinte Frage: „Wirst du Menschen zerstören?“ unumwunden geantwortet: „Ich werde Menschen zerstören.“[6] Erinnert das nicht sehr an Karel Capeks 1936 erschienene Dystopie Krieg der Molche?

Hören wir uns etliche der Stimmen an, die uns das neue Menschenbild verkünden. Diese Zusammenstellung ist deshalb etwas ausführlicher, weil es vielen Bürgern noch nicht aufgefallen ist, wie verbreitet dieses neue Denken ist.

Der Wissenschaftsjournalist Ulrich Eberl (er hat 20 Jahre lang die Sparte Kommunikation – Innovation & Technik beim Technikkonzern Siemens geleitet) schreibt: „Gibt es wirklich irgendetwas in unserem Gehirn – oder philosophischer ausgedrückt, von Körper, Seele und Geist –, das so einzigartig ist, dass man es niemals ‚künstlich’ nachbilden kann?“ Eberl lässt es nicht bei der Frage bewenden, er gibt auch eine Antwort: „Nach allem, was ich bei meinen Recherchen zu den intelligenten Maschinen erfahren habe, würde ich auf diese Frage antworten: Nein.“[7]

Wolfgang Prinz, emeritierter Direktor des Leipziger MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften, verkündet auf dem rückwärtigen Cover seines Buches Selbst im Spiegel[8]: „Der Mensch ist eine Maschine, die ihre Lebenswelt kollektiv erfindet.“

Der Philosoph Ansgar Beckermann sagte zu Beginn eines Vortrags beim Symposium „Turm der Sinne“, Nürnberg, 2011: „Ich bin mit allen Naturwissenschaftlern (sic!) einig, dass der Mensch eine biologische Maschine ist. Es gibt da keine Seele. Es gibt nur das biologische Wesen.“

Timotheus Höttges, der Vorstandsvorsitzende der Telekom: „Ich will nur sagen, dass der für uns wahrnehmbare Unterschied zwischen Computer und Mensch bei dem, was wir Denkvermögen nennen, in Kürze aufgehoben sein wird. (…) Die Frage ist doch: Wenn die Maschine uns im Denken und im Entscheiden ebenbürtig wird, was denkt sie dann eigentlich über uns?“[9]

Miriam Meckel, die Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, führte in einem Vortrag laut Marko Wehr sinngemäß aus: In nur 5 bis 10 Jahren brauchen wir weder Maus noch Computertastatur. Stattdessen haben wir eine Schnittstelle im Kopf, die unsere Gedanken direkt aus dem Gehirn ausliest und in die Maschine einspeist.[10]

Vielleicht hat sie zu viele Bücher von Ray Kurzweil gelesen, der schon lange davon träumt, dass man demnächst den Geist des Menschen über so eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer auslesen, das Gehirn sogar scannen und in eine cloud hochladen könne. Kurzweil glaubt tatsächlich, dass der Mensch einer nahen Zukunft auf diese Weise dem Tod entkommen wird. Wer dies für die private Spinnerei eines hochbegabten Erfinders hält, der weiß nicht, dass Kurzweil mit Gleichgesinnten im Silicon Valley eine ganze Universität gegründet hat, die Singularity University, die sich der Realisierung dieser Phantasie verschrieben hat. Offensichtlich sind die alchemistischen Träume der Menschheit hier in neuer Form wiedererwacht. Nicht mehr der Stein des Weisen sichert uns ewige Jugend oder Unsterblichkeit, sondern die Server Amerikas werden uns in ein digitales Jenseits befördern. Sie verwandeln unsere sterbliche irdische Existenz in eine zeitlose. Das Unsterblichkeitselixier wird nicht mehr in Alchemistenküchen zusammengebraut, sondern in den Hightec-Labors eines Tals, das nach dem synthetischen Polymer Silikon benannt ist, konzipiert.

Vermutlich sind diejenigen, die den Unterschied zwischen Mensch und Maschine schwinden sehen, heute sogar in den hochentwickelten Technologieregionen der Welt immer noch eine Minderheit – aber eine stetig wachsende. Überlegungen, nach denen der Unterschied zwischen Mensch und Maschine verschwindet, sind in der Mitte der aufgeklärten Gesellschaft angekommen. Denn die fünf eben genannten Deutschen sind wirklich nur eine kleine Auswahl einer inzwischen überaus zahlreichen globalen Gesellschaft, in der es recht salopp zugeht:

John Brockman hat für seine Sammlung von Statements zum Thema Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?[11] insgesamt 186 Experten gefragt, Professoren, Ingenieure, Publizisten und Künstler. Sie seien, verrät uns das deutsche Cover, „die führenden Wissenschaftler, Philosophen und Künstler unserer Zeit“. Nicht alle haben für ihre Antwort das Verhältnis von Mensch und Maschine thematisiert – aber von denen, die sich dazu äußerten, hält eine Mehrheit den Menschen für eine Maschine. Diesen 52 Antworten stehen 36 gegenüber, die den Unterschied von Mensch und Maschine eher für unüberwindbar halten. Eine kleine Blütenlese:

Die kürzeste Antwort gibt Robert Sapolsky von der Stanford University, die im Silicon Valley liegt: „Was halte ich von Denkmaschinen? Nun, es kommt gewiss darauf an, um welche Person es sich handelt.“[12]

Der Physiker Sean Carroll gibt folgendes Bonmot zum Besten: „Wenn ich nach meinen Gedanken über Denkmaschinen gefragt werde, kann ich einfach nur antworten: ‚He, das sind meine Freunde, von denen Sie sprechen.’ Wir sind alle Denkmaschinen, und die Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten von Maschinen verschwindet allmählich.“

Und der Neurowissenschaftler Sam Harris assistiert: „Wir wissen bereits, dass bloße Materie eine allgemeine Intelligenz erwerben kann – die Fähigkeit, neue Begriffe zu lernen und sie in unvertrauten Kontexten anzuwenden –, weil die 1200 ccm salziger Hafergrütze in unserem Kopf es fertiggebracht hat. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass ein hinreichend hochentwickelter digitaler Computer nicht dasselbe tun könnte.“[13]

Ein neues Menschenbild macht sich breit. Es findet immer mehr Anklang unter naturwissenschaftlich Interessierten – und in hohem Maße unter jungen Menschen, Schülern und Studenten. Wieder einmal lernen wir eine Definition des Menschen kennen, die im Gewand des Realismus daherkommt: er soll also ein Bioroboter sein. Was denn sonst? fragen uns fast schon mitleidig die neuen Realisten. Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine, werden wir belehrt, bestehe hauptsächlich darin, dass die Bausteine, aus denen der Mensch zusammengesetzt sei, der auf Kohlenstoffen basierenden organischen Chemie zuzurechnen seien, während die wichtigsten Bestandteile technischer Intelligenz Silizium oder seltene Erden sind. Wobei denjenigen, die von der Überlegenheit der kohlestoffbasierten Intelligenz überzeugt sind, von dem am MIT lehrenden Physiker Max Tegmark „Chauvinismus“ vorgeworfen wird.[14] Natürlich entstehen die zwei Arten von Intelligenz nicht am selben Ort; der Philosoph Steve Fuller bringt es auf seinen Begriff: „Der einzige wirkliche Unterschied ist der Schmelztiegel der Schöpfung: ein Schoß gegenüber einer Fabrik.“[15]

Der Baumeister der einen Sorte von Bewusstseinsmaschinen ist dann natürlich die Evolution, die den weiblichen Schoß hervorgebracht hat, den Fuller so delikat mit einem Schmelztiegel gleichsetzt. Die Exemplare der anderen Sorte werden hingegen in Fabriken zusammengelötet. Aber diese Evolution, fügen die Vertreter der synthetischen Biologie hinzu, wird bald von den Biotechnikern kassiert. Fuller: „Jede intuitiv solide Unterscheidung zwischen Biologie und Technik muss verblassen, wenn die Menschen bei der Konstruktion ihrer Babys geschickter werden, insbesondere außerhalb des Mutterschoßes.“

Wir trauen der modernen Technik immer mehr zu und halten immer weniger vom in die Jahre gekommenen Adam, von der grau gewordenen Eva. Während ein Teil unserer Intellektuellen darüber klagt, dass der Mensch im Anthropozän die Erde zerstöre und es sogar das Beste für Gaia wäre, wenn er wieder verschwände, geht ein anderer Teil davon aus, dass diese Erde sich längst auf neue, transhumane Bewohner einstellen darf. Die Art und Weise, wie heute über unseresgleichen gesprochen wird, unterscheidet sich krass von der, die in der Tora, bei Sophokles oder Hesse zu hören war. Er sei, hören wir, nicht etwa göttlichen Ursprungs, nicht ungeheurer als alles andere und schon gar nicht unberechenbar – sondern ein Bioroboter.

Bei der Frage, ob wir alle Bioroboter sind, geht es sicher auch darum, ob unser Körper adäquat durch ein technisches Gerät ersetzt werden kann, aber die eigentlich spannende Frage ist, ob dies auch bezüglich des Bewusstseins möglich ist. Dafür müssten wir allerdings wissen, was dieses Bewusstsein ist und wie es funktioniert. Die Frage irritierte schon die Materialisten des 19. Jahrhunderts. Ihre Nachfahren nennen sich heute Naturalisten – weil der Materiebegriff durch die Atom- und Quantenphysik sehr ins Rutschen geraten ist. Diese Naturalisten sehen es als letzte große Herausforderung der Wissenschaft an, eine kausale Erklärung für das Auftauchen des Bewusstseins zu finden. Manche von ihnen meinen, diese Erklärung bereits gefunden zu haben[16]. Folgerichtig halten sie es auch für technisch machbar, Bewusstsein künstlich zu generieren. In der Tat, dann wären Menschen und Roboter „ebenbürtig“[17].

Kollege Roboter. Bruder Roboter. Lebenspartner Roboter. In der Phantasie sind diese Kollegen, Brüder und Lebenspartner dem Menschen bald sogar überlegen.


IV. Die ungelösten Fragen

Aber wer kühlen Kopf bewahrt und genauer hinsieht, der stellt etwas ganz anderes fest: denn der Zeitpunkt, zu dem man das Wesen des Menschen ergründet hat und ihn folglich auch nachbauen kann, ist nicht in Sicht. Ob er jemals kommt, steht in den Sternen. Zu groß sind die Probleme, die sich dem in den Weg stellen, der den Menschen ergründen will. Einige seien hier genannt:

Wo kommt das Bewusstsein her?

Wenn Naturalisten vollmundig verkünden, dass der Mensch demnächst das Rätsel des Bewusstseins gelöst haben wird, verdecken sie nur ihre Schmach, dass kein MRT, kein EEG uns überzeugend erklären kann, warum den immer genauer erforschten Prozessen im Gehirn unsere Gefühle, Gedanken oder Wahrnehmungen entsprechen. Korrelationen kann uns jeder Neurologe zeigen. Aber kein Naturalist hat auch nur eine blasse Ahnung, warum unsere geistigen Phänomene diesen Prozessen entsprechen und wie sie aus ihnen hervorgehen. Wie soll man sie also in Geräten zum Leben erwecken können?

Sind wir frei?

Die Naturalisten neigen dazu, die geistigen Äußerungen des Menschen als determiniert anzusehen. Das wäre schlimm: Wie soll man dann noch ernsthaft über richtig und falsch befinden können, wenn alle Gedanken – sogar die These vom Menschen als Bioroboter – allein bedingt sind durch die materiellen Prozesse, die den Gesetzen der Natur folgen? Wenn jemand die These äußert, dass der Mensch ein Bioroboter ist, dann ist diese Äußerung einschließlich aller Gründe, die er vorträgt, dieser Ansicht zufolge ein Produkt von kausalen Prozessen seines Hirns. Wenn jemand die gegenteilige These vertritt, ist das aber auch so. Ja, selbst der Streit über die Richtigkeit der Standpunkte ist, genau betrachtet, gar kein Streit, sondern nur der sich immer weiter entfaltende Kausalprozess auf neuronaler Basis. Keine Seite kann also ernsthaft für sich beanspruchen, die Wahrheit gefunden oder bewiesen zu haben. Sollte es sie wirklich nicht geben?

Und wie sieht es mit dem freien Willen aus, den die meisten Menschen für unentbehrlich halten, wenn der Mensch sich als moralisches Wesen versteht? Schon in der griechischen Tragödie sehen wir Menschen, die um Autonomie ringen. Es ist die Ironie der großen Dramen des Sophokles, dass seine Helden gerade dann, wenn sie frei handelnd in Erscheinung treten, vom Schicksal besiegt werden. Und dennoch ist seit diesen Tagen die Überzeugung, dass der Mensch frei ist, dass er sich frei entscheiden kann, geradezu der Kern unseres Menschenbildes. Nicht dass er diese Freiheit immer zum Wohle der Mitmenschen eingesetzt hätte – ganz im Gegenteil. Kitschig waren die Verteidiger der Willensfreiheit selten. Aber die Wortführer des Abendlandes waren mit wenigen Ausnahmen (zu denen z.B. Martin Luther zählt) der Meinung, dass der Mensch für seine Taten gerade stehen muss, weil er sich frei zwischen gut und böse entscheiden kann. Ihnen widersprechen allerdings immer mehr Wissenschaftler, die mit guten Argumenten darauf hinwiesen, wie vielen erkennbaren, oft kaum oder gar nicht erkannten Einflüssen wir ständig ausgesetzt sind, so dass es manchmal so scheint, als ob unsere Entscheidungen alles in allem eben doch nur das Produkt der jeweiligen Umstände wären. Diesen Einwänden zu begegnen und die menschliche Freiheit philosophisch herzuleiten mühten sich die größten Geister unserer Vergangenheit ab. Aber auch wenn ihnen das nur in beschränktem Maße gelungen ist, so hat sich über zweieinhalb Jahrtausende hinweg in den meisten Menschen die Überzeugung gehalten, dass sie der Verantwortung für ihre Taten nicht entkommen können. Sie sehen ihre Handlungen nicht als vollständig determiniert an.

Die neuen Realisten jedoch sind gegenteiliger Meinung. Da seine Programme dem Roboter genau vorschreiben, wie er zu agieren hat, auch dann noch, wenn sie ihm eine Art „Lernen“ eingeimpft haben, das freilich über Mustererkennungstraining kaum hinauskommt, wird dem Bioroboter Mensch analog eine Determinierung durch seine Hirnprozesse unterstellt. Das haben die wenigen Naturalisten vergangener Zeiten immer schon behauptet, jetzt scheint es sich durch das Auftauchen unserer elektronischen Pendants zu bestätigen. Ist es da so erstaunlich, dass das Verantwortungsbewusstsein in unserer Kultur in Mitleidenschaft gezogen wird?

Die Zeitstruktur des Bewusstseins

Dann gibt es da noch eine ontologische Frage, bei der die Techniker kein Land sehen. Der Philosoph Edmund Husserl ist bei seiner Bewusstseinsanalyse darauf gestoßen, dass jeder bewusste Moment eine Zeitstruktur erfordert, die zwei Richtungen des Zeitflusses besitzt. Vergleicht man diese Struktur mit der Zeitstruktur materieller Prozesse, entdeckt man einen gravierenden Unterschied. Kein Naturalist hat diesen Einwand bisher wahrgenommen oder gar ernst genommen – geschweige denn eine plausible Erklärung dafür geben können.

Was sind Informationen?

Norbert Wiener hat sehr rätselhaft in Cybernetics geschrieben: „Information ist Information, weder Materie noch Energie.“ Nun kann man etwas nicht dadurch definieren, dass man sagt, was es nicht ist. Wie der Informationsbegriff positiv zu definieren ist, darüber gibt es keinen Konsens. Einmal ist er zwei-, dann dreiwertig. Manche Wissenschaftler setzen ihn gleich mit der Abfolge von Nullen und Einsen, andere insistieren darauf, dass eine Information erst dann zu einer Information wird, wenn jemand sie ausliest – wobei der Mensch ins Spiel kommt. Wenn Datenphantasten davon träumen, dass man durch das „Auslesen“ des Gehirns und die Umwandlung seines Informationsgehaltes in digitale Zahlenkolonnen der Sterblichkeit entkommen könnte, dann werden diese Zahlenkolonnen mystisch überhöht. Daten sind nicht die Wirklichkeit. Sie riechen nicht. Sie lassen sich nicht ertasten. Man kann sie nicht essen und sich nicht an ihnen wärmen. Kurz: sie leben nicht. Ob sie ohne Einbindung in die Materie existieren, weiß keiner. Der Basisbegriff der digitalen Revolution ist keineswegs enträtselt.

Was ist von Nahtoderfahrungen oder mystischen Erlebnissen zu halten?

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Ohne Diffamierung kommen Naturalisten nicht aus. All den Menschen, die Erfahrungen gemacht haben, die das Format naturalistischer Erklärungen sprengen, also zum Beispiel Menschen mit Nahtoderfahrungen oder mystischen Begegnungen, Menschen, die eigenartiger Weise Ereignisse spüren, die sich an fernen Orten abspielen, oder die schlicht sagen, dass sie sich „von guten Mächten wunderbar geborgen“ fühlen, wie das Dietrich Bonhoeffer in einer äußerst bedrückenden Situation formulierte, wird unterstellt, dass sie neuronalen Fehlfunktionen auf den Leim gegangen sind oder ihr Erleben sich im statistischen Rauschen verliert. Diese ungewöhnlichen Erfahrungen, die oft dazu geführt haben, dass Menschen ihre ganze Lebensweise geändert haben oder kaum erträgliche Situationen relativ gefasst durchstanden, werden von Naturalisten besonders gerne pathologisiert. Achtung vor dem anderen sieht anders aus. Es wäre angemessener, anzuerkennen, dass es Fragen gibt, die man nie definitiv wird entscheiden können.

Quantenphysikalisches Störfeuer

Störfaktor auf dem naturalistischen Parkett ist schließlich die Entdeckung der Quantenphysiker, dass die Wirklichkeit eine Doppelstruktur besitzt: der kohärenten Welt der Wahrscheinlichkeitswellen steht die dekohärente Welt der Materie gegenüber. Was vielen Quantenphysikern aufgefallen ist, das sind strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Bewusstsein und Quantenzuständen. So sind sowohl in der Welt der Quanten als auch in jedem bewussten Erlebnis die Informationen immer miteinander verbunden und lassen sich nicht isolieren. Alain Aspects Versuche mit verschränkten Teilchen entsprechen der Unmöglichkeit eines Bewusstseinszustands, bei dem wir nur eine einzige Information isoliert erleben. Auch wenn es bisher nur umstrittene Hypothesen darüber gibt, inwiefern bzw. ob man Bewusstsein nur unter Berücksichtigung dieser Doppelstruktur wird erklären können, so öffnet die Quantenphysik immerhin die Tür zu einem nicht-mechanischen Verständnis der Wirklichkeit – und das könnte eines Tages tatsächlich zu einem völlig anderen Verständnis von Bewusstsein und damit des Menschen führen.

Fazit:

So bewundernswert es ist, dass es den Technikern immer besser gelingt, Geräte herzustellen, die viele der Fähigkeiten des Menschen imitieren können, so grandios scheitern Naturalisten bei einer naturwissenschaftlichen Entschlüsselung von menschlichen Phänomenen, die Europäern traditionell besonders wichtig sind, und versagen sie im Umgang mit Phänomenen, die nicht ins naturalistische Weltbild passen.

  • Sie scheitern an der kausalen Erklärung mentaler Phänomene,
  • an der Fähigkeit, das Wahre vom Falschen zu trennen,
  • an der Hartnäckigkeit, mit der die meisten Menschen an der Vorstellung eines freien Willens festhalten,
  • an der merkwürdigen Zeitstruktur des Bewusstseins
  • sowie an der rätselhaften Struktur der Basiseinheit aller digitalen Prozesse: der Information.
  • Ihnen mangelt es an Achtung davor, dass manche Menschen Erfahrungen gemacht haben, die nicht in ihr Wirklichkeitsschema passen.
  • Sie ignorieren meist die Doppelstruktur der Wirklichkeit, wie sie die Quantenphysik entdeckt hat.

Wenn sie ehrlich sind, stehen auch Naturalisten rätselnd vor der wunderbaren Fähigkeit aller Menschen, die Welt zu erleben – bis hin zu der Erfahrung, dass uns unsere Gedanken geradezu sinnlich präsent sind. Nichts deutet hingegen darauf hin, dass ein Roboter auch nur irgendetwas erlebt. Denn wenn man nicht weiß, wie Erleben funktioniert, kann man es definitiv nicht nachbauen.

Was wäre also die Welt ohne den Menschen? Wer sähe die Schönheit einer Flusslandschaft, über der der herbstliche Nebel sich langsam lichtet? Wer wüsste ohne uns etwas von der Geschichte der Lebewesen und der filigranen Struktur unseres Gehirns? Was wäre ein Universum wert, in dem es nicht das Wunder gäbe, das sich immer ereignet, wenn zwei Menschen füreinander das Wichtigste auf dieser Welt werden?

Schönheit, Erkenntnis und Liebe gäbe es nicht, wenn es uns Menschen nicht gäbe. Wäre das nicht ein schrecklicher Verlust für das gewaltige Universum?


V. Historische Erfahrungen…

…mit naturwissenschaftlich getränkten Menschenbildern

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass das für gültig gehaltene je aktuelle Wissen über die Natur missbraucht wird, um eine Definition des Menschen zu verkünden. Aber wir Menschen waren nie gut beraten, wenn wir unsere eigene Spezies durch solche zeitgebundenen wissenschaftlichen Erkenntnisse meinten definieren zu können. Dies erhellt ein Vergleich mit einem dieser gescheiterten Versuche.

1912 fand der erste internationale Eugenik-Kongress statt. Philipp Blom erinnert an dieses „wissenschaftliche Großereignis“ am Vorabend des 1. Weltkriegs[18]. Blom zählt zunächst nur auf, wer die Teilnehmer waren – er schreibt, dass praktisch das gesamte „intellektuelle Establishment der damaligen Zeit“ zusammengekommen sei.[19] Vielleicht ist das doch etwas übertrieben – aber Teile der Elite waren zweifellos vor Ort. Ein paar der vielen Namen sagen uns heute noch etwas: Ehrenpräsident des Kongresses war Major Leonard Darwin, der Sohn des Begründers der Evolutionstheorie. Winston Churchill, August Weismann, Auguste Forel tauchten auf. Auch der Erfinder des Telefons und Gründer der ersten Telefongesellschaft, Alexander Graham Bell, waren nach London geeilt. (Ironie des Schicksals, dass ein später Nachfolger dieses Firmengründers, der Telekom-Chef Timotheus Höttges, heute bei denen ist, die wieder mal ganz vorne dabei sind, wenn es darum geht, ein neues Menschenbild zu verkünden.) Und nicht einmal die anglikanische Kirche fehlte auf dem Kongress: sie vertrat der Bischof von Oxford.

Ein Jahr vor dieser denkwürdigen Zusammenkunft war Francis Galton gestorben, der die Stichworte für ihn gegeben hatte. In seinem bekanntesten Werk, Genie und Vererbung[20], lesen wir, was in den folgenden Jahren immer mehr Wissenschaftler und führende Köpfe für wissenschaftlich plausibel hielten: „Wenn es also (…) leicht ist, durch sorgsame Auslese eine beständige Hunde- oder Pferderasse zu erhalten, die mit einer besonderen Schnelligkeit oder einer ähnlichen Fähigkeit ausgestattet ist, müßte es ebenso möglich sein, durch wohlausgewählte Ehen während einiger aufeinanderfolgender Generationen eine hochbegabte Menschenrasse hervorzubringen.“

Noch bizarrer – aber in seinen Konsequenzen eben auch unerträglich – ist das, was der zum stellvertretenden Präsidenten des unheilvollen Eugenik-Kongresses gewählte Arzt Alfred Ploetz bereits 1895 geschrieben hatte: „Die Erzeugung guter Kinder … wird nicht irgend einem Zufall einer angeheiterten Stunde überlassen, sondern geregelt nach Grundsätzen, die die Wissenschaft für Zeit und sonstige Bedingungen aufgestellt hat.“[21] Und er empfahl doch tatsächlich, dass ein gesellschaftlich legitimiertes „Ärzte-Kollegium“ schwächlichen oder missgestalteten Kindern einen sanften Tod bereiten sollte, „sagen wir durch eine kleine Dose Morphium.“ Wen das abstieß, dem wurden „humane Gefühlsduseleien“ vorgeworfen, weil es nicht weiter angehe, die Menschheit durch die Pflege von „Blinden, Taubstummen, überhaupt allen Schwachen“ zu belasten.[22]

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Heute wissen wir, dass dieser Kongress mit seriöser Wissenschaft wenig zu tun hatte – aber mit dazu beigetragen hat, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Eugenik-Programme durchgeführt wurden. Hunderttausende wurden zwangssterilisiert, Zigtausende in eigens dafür geschaffenen Einrichtungen getötet – wobei die genauen Zahlen bis heute nicht exakt ermittelt sind. Was das für die betroffenen Familien bedeutete, wagt man sich kaum vorzustellen. Heute wissen wir auch, was für eine groteske und unhaltbare Idee es war, durch Menschenzüchtung eine nationale Elite und so den europäischen Staaten die imperiale globale Machtstellung sichern zu wollen. Das erst später gewonnene genauere Wissen über Vererbung hat all die Phantastereien über eine Menschenzüchtung zur Makulatur werden lassen. Mahnt dieser traurige Ausschnitt aus der Wissenschaftsgeschichte nicht ganz unbedingt zur Vorsicht gegenüber der Validität jeweils aktueller Wissensstände?

Die etwas älteren Bürger im Osten unserer Republik kennen noch eine andere Variante wissenschaftlicher Hybris. Eine selbsternannte politische Avantgarde glaubte wissenschaftlich ermittelt zu haben, wie der Mensch zu ticken hatte, der der jeweiligen Phase des sozialistischen Aufbaus entsprach. Die Vorgaben, die den Plänen zugrunde lagen, nach denen die volkswirtschaftlichen Ressourcen eingesetzt wurden, orientierten sich an diesem Menschenbild, das nicht nur regelte, wie die Wohneinheiten auszusehen hatten, in denen die sozialistischen Persönlichkeiten leben sollten, sondern auch Kleidervorstellungen prägte und verantwortlich war für die optimistischen Vorhangmuster vor den Fenstern der Schulen oder Büroräume. Die Folge war eine bedrückende ästhetische Monotonie der Alltagskultur und vor allem eine Maßregelung solcher Jugendlicher, die sich den Kleidervorstellungen der politischen Kader widersetzten oder einen Musikgeschmack zu erkennen gaben, der als dekadent galt. Aber noch schlimmer war die absurde Idee, dass alle Zeugnisse menschlichen Geistes – egal ob es sich dabei um Gedichte, Gemälde oder philosophische Werke handelt – im Kern erfasst werden können, indem man ihren Klassengehalt bestimmt wie der Chemiker den PH-Wert einer Flüssigkeit. Und es war klar, dass der Deutschlehrer aufgrund solcher hochwissenschaftlichen Einsicht entscheiden konnte, ob die Literaturinterpretation eines Schülers „richtig“ oder „falsch“ ist. Auch damals war der Mensch eine berechenbare Größe.

Zwei Mal haben die Deutschen – zumindest die im Osten des Landes – es erlebt, was es bedeutet, wenn eine Ideologie zur Grundlage für die Gestaltung der Gesellschaft wurde. Zwei Mal waren sich die Anhänger der jeweiligen Ideologie sicher, dass ihr Menschenbild durch die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigt wird. Und zwei Mal führte das dazu, dass die Menschenrechte in unserem Land mit Füßen getreten wurden.

Ausdrücklich soll mit dieser Rückschau nicht unterstellt werden, dass die neue biologisch-kybernetische Definition des Menschen zu ähnlichen Verbrechen bzw. quälenden Absonderlichkeiten führen muss. Vielmehr: wir wissen es noch nicht. Wenn das, was die Pessimisten unter den Naturalisten vermuten, wirklich eintrifft, ist es nämlich noch viel schlimmer: da wird gelegentlich gnadenlos über die Ablösung der menschlichen Spezies durch superintelligente Roboter spekuliert. Dass die menschliche Generation, die es betreffen würde, diese Ablösung als angenehm empfinden wird, ist kaum zu erwarten. Aber selbst wenn dieses Szenario nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben sollte, so zeichnen sich heute schon etliche Problemfelder ab, auf denen die Orientierung an einem biologisch-kybernetischen Menschenbild ungewollt zu großen Verwerfungen führt, denn wir sind ja mitten drin in der Umformung der Menschheit. Und es sind mächtige Kräfte, die diese Umformung betreiben.


VI. Vorläufige Schadensbilanz

Das Internet hat die größten Konzerne der Geschichte entstehen lassen. Diese Konzerne expandieren nach wie vor schier ungebrochen. Das entscheidende Mittel dafür ist eine Strategie, die sich alle Werbefachleute und genauso alle Ideologen immer gewünscht haben: die Bindung zwischen Mensch und Firma wird durch einen Rückkoppelungseffekt ganz von selber Zug um Zug gefestigt. Die Konzerne werden ganz freiwillig von ihren Kunden mit detaillierten Daten über sich beliefert. Mark Zuckerberg soll dieses Userverhalten 2004 während der Startphase seines Unternehmens in einem mitgeschnittenen Chat so beschrieben haben: “Sie haben mir die Daten überlassen. Weiß auch nicht warum. Die trauen mir, die Idioten.“[23]

Mich erinnert diese Haltung an eine berühmte Filmszene: in Carol Reeds Meisterwerk Der Dritte Mann gelingt es dem Schriftsteller Holly Martins, kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs ein Treffen mit seinem Jugendfreund Harry Lime im Prater zu arrangieren. Lime, von Orson Wells unvergesslich gespielt, ist durch Schmuggel mit gestrecktem Penicillin reich geworden; für die Patienten allerdings, die damit behandelt wurden, sieht es anders aus: statt gesund zu werden, kämpfen sie erst recht mit dem Leben oder erleiden irreparable Schädigungen. Man sieht die ehemaligen Freunde schließlich in einer Gondel des Riesenrades. Lime gibt sein kriminelles Geschäftsgebaren ungeniert zu. Aber es scheint ihm nicht besonders verwerflich: Mit Blick auf die Menschen, die aus der Riesenradperspektive alle klein wie Ameisen aussehen, rechtfertigt er seinen schmutzigen Penicillinhandel mit der Bedeutungslosigkeit des Lebens einzelner Individuen. In dem Zusammenhang fällt der berühmte Satz: „In den 30 Jahren unter den Borgias hat’s nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab’s Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!“

Dieselbe Doppelmoral zeigt sich auch bei etlichen der Pioniere der Internetwelt. So bei Steve Jobs, der bekanntlich den Gebrauch von Smartphones bei seinen eigenen Kindern äußerst rigide einschränkte, während er bei seinen legendären Werbeauftritten die Unverzichtbarkeit des Gerätes für moderne Menschen jeden Alters suggerierte.

Die Doppelmoral wird mit der Einteilung der Menschheit in zwei Gruppen begründet: Gehören wir zu der Gruppe der Gründer oder der Idioten? Reden wir von Ameisen bzw. demokratischen Naivlingen oder von Menschen, die ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickeln? Geht es um Familienangehörige oder um Fremde?

Wer meint, der Handel mit gestrecktem Penicillin sei doch etwas ganz anderes als der mit häufig erschlichenen Daten, der sollte sich die Summe der Schäden vor Augen führen, über die ich hier einen sicher nicht vollständigen Überblick geben will.

Kennen muss man zunächst das Grundmuster: Genauestens werden mit jedem Klick, jedem Like, jedem Amazon mitgeteilten Kaufwunsch und jeder gegoogelten Seite Vorlieben, Wünsche, Eigenheiten und Interessen erfasst – auch solche, die man seinen Mitmenschen gegenüber tunlichst verschweigen würde. Vor den digitalen Eingabegeräten und den damit verbundenen Web-Kameras löst sich die Privatsphäre auf. Des Kunden eigenes Internetverhalten ist die Voraussetzung dafür, ihn in den Bann zu ziehen.

Das alles begann recht unscheinbar: Die Aktionen bereits der ersten Computer- und Internetnutzer führten sofort zu Reaktionen auf einem Bildschirm – also ganz ähnlich wie wir das von Gesprächen kennen. Diese interaktiven Fähigkeiten von Geräten oder Spielen ziehen seitdem schon unsere Kinder in den Bann, denn der Mensch ist von Geburt an ein soziales Wesen – und interaktive Geräte nutzen dies aus, indem sie ein Gegenüber simulieren. Spätestens wenn schlaue Programme den Turing-Test geknackt haben werden und auf jede menschliche Frage eine Antwort geben können, die wie die eines lebendigen Gegenübers wirkt, wird der Computer zum Gesprächspartner – für manche sicher sehr schnell zum wichtigsten. Wenn – das kann nicht mehr lange auf sich warten lassen – die virtuellen Stimmen angenehmer und differenzierter klingen als die manches lebenden Menschen, wenn die Antworten suggerieren, dass die Maschine den Menschen besser versteht, als seine besten Freunde und Verwandten, weil sie ja auch viel mehr Daten über ihn verarbeitet hat, dann leidet das soziale Gefüge unserer Gesellschaft. Ein gefährliches Suchtpotential baut sich da gerade auf. Psychische Störungen, die wir schon von Computerspielsüchtigen kennen, werden ganz andere Dimensionen annehmen.

Aber keiner der großen Gesprächsphilosophen, weder Platon noch Martin Buber noch Jürgen Habermas hätte das, was sich 2018 schon in recht klaren Umrissen abzuzeichnen beginnt, „Gespräch“ genannt. Diese Pseudogespräche stehen im schroffen Widerspruch zu dem, was Hölderlin in einem berühmten Gedicht geschrieben hat: „… Seit ein Gespräch wir sind und hören können voneinander.“ Für Hölderlin eröffnete sich das Wesen des Menschen erst im Gespräch. Aber Gespräche gibt es nur zwischen autonomen Menschen. Der Gesprächspartner darf keine Hintergedanken haben, er muss schonungslos offen und ehrlich sein und sein Gegenüber als Menschen in seiner Würde respektieren. Keines dieser Kriterien erfüllen die virtuellen Pseudopartner.

Was sich tatsächlich vollzieht, das ist etwas ganz anderes: all die gesammelten Daten dienen nicht etwa der Entfaltung des Menschen, einem herrschaftsfreien Diskurs, der Lösung von persönlichen oder Menschheitsfragen – oder gar der Wahrheitsfindung, sondern Konzernstrategien, die natürlich überhaupt nicht transparent gemacht werden. Diesen Konzernen liefert sich der User aus. So wie der Alkoholiker seine Autonomie preisgibt, indem er zur Flasche greift, geben wir die unsere preis, indem wir etwas hergeben: unsere Daten. Die daraus gewonnenen Algorithmen der Internetkonzerne greifen immer massiver in sein Leben ein. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Google behandelt uns längst so, als ob wir Roboter wären. Vor unseren Augen vollzieht sich damit ganz offen der Umbau des Menschen. Aber zu welchem Preis? Zweifellos treibt dieser Umbau die Ökonomie der entwickelten Länder vorübergehend zu immer neuen Bestmarken. Auf der anderen Seite sind die dabei auftretenden Schäden nicht mehr zu übersehen. Als kollateral kann man sie schon längst nicht mehr bezeichnen. Auf einige sei hier hingewiesen:

Arm oder reich, vernetzt oder abgehängt

Das Besondere an dem gegenwärtigen Versuch, den Menschen neu zu definieren, besteht darin, dass nicht eine Gruppe gegen die andere ausgespielt wird, sondern alle Menschen über einen Leisten geschlagen werden. Wenn Aristoteles meinte, dass man am Körperbau den Unterschied zwischen Freien und Sklaven erkennen könne, wenn im Gefolge Darwins die „Wilden“ als evolutionär rückständige Rassen degradiert wurden, wenn laut Galton und Ploetz der Eugeniker ein minderwertiges menschliches Erbgut aus dem Verkehr ziehen sollte – dann wurden immer zwei Gruppen gegeneinander gestellt: die biologisch höherwertige gegen die minderwertige. Das Besondere an der neuen Definition des Menschen ist, dass kein solcher Unterschied postuliert wird. Niemand soll qua Geburt als benachteiligt gelten. Das klingt gut und erinnert an die Zeit, in der das Internet erfunden wurde. Die Pioniere in Kalifornien wollten das Weltwissen jedem zugänglich machen und somit radikal demokratisieren. Aber so schnell wie in diesem Fall ist selten oder nie in der Geschichte unserer Gattung eine emanzipatorische Idee pervertiert worden. So, wie das Internet sich dann tatsächlich etablierte, beförderte es sogar die Machtkonzentration und droht heute nahezu völlig unkontrollierbar zu werden. Das Menschensortieren funktioniert im Zeitalter der Datenmonopolisten keineswegs schlechter als früher.

Unter den reichsten Privatpersonen unserer Zeit sind vor allem Firmengründer, die durch Daten- und Onlinehandel, Telekommunikation oder Hochtechnologie in kurzer Zeit zu ihrem Vermögen gekommen sind. Jeff Bezos, Firmengründer und Chef von Amazon, hat die 100 Milliarden-Dollar-Grenze bereits geknackt. Experten gehen sogar davon aus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis der erste Dollar-Billionär auf der Bildfläche erscheint. Auf der anderen Seite stehen nicht nur die 700 Millionen Ärmsten der Armen, die pro Tag mit 1,90 US-Dollar auskommen müssen – und natürlich kein Smartphone ihr eigen nennen. Auf dieser Seite stehen auch die 3,4 Millionen Beschäftigten, die laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitcom allein in den nächsten fünf Jahren in unserem Land ihre Arbeit verlieren werden, weil Roboter oder Algorithmen sie preisgünstiger erledigen.[24] Die Menschheit zerfällt in schwerreiche Datensammler und -verwalter, eine Mittelschicht von Usern und abgeschriebene Existenzen, die von den Informationsströmen und Netzwerken abgehängt sind, vielleicht weil sie sich kein Smartphone leisten können, vielleicht, weil sie in Gegenden wohnen, wo sich die Einrichtung von Funknetzen nicht lohnt.

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Die Journalistin Laura Meschede hat in einer Reportage beschrieben, was passiert, wenn die Plattform Amazon Mechanical Turk weltweit Minijobs anbietet, die am Computer erledigt werden.[25] So bekommt man für das Abtippen einer Spesenrechnung 0,03 Dollar. Oft handelt es sich um Restarbeiten, für die es noch kein Computerprogramm gibt. Menschen, die auf diese Weise ihr Geld verdienen, werden als Clickworker bezeichnet. In Deutschland gibt es davon bereits 250 000. Wenn man sehr gut ist, schafft man in der Woche Einnahmen von gut 300 Dollar. Denn man konkurriert mit Clickworkern in aller Welt. Absurd, dass Menschen, die vielleicht in Indien aufgrund digitalisierter Wissensvermittlung eine Ingenieursausbildung absolvieren konnten, dann ihr Geld als „mechanische Türken“ verdienen. Das ist die Erfindung des digitalen Gastarbeiters.

Der Plattformkapitalismus bedroht die Marktwirtschaft

Die Digitalisierung hat Firmen entstehen lassen, die die bei uns eigentlich geltenden Regeln der Marktwirtschaft gnadenlos unterlaufen. Das beginnt schon da, wo die Wertschöpfung dieser Datenkonzerne ermittelt werden soll. Denn zum ersten Mal in der Geschichte ist es der Kunde selber, der schon vor jedem Kauf entscheidend zum Wachstum der Konzerne beiträgt, indem er ihnen freiwillig Daten über sich preisgibt – bei Google oder Facebook sind das Unmengen![26] Der kürzlich entlassene Herausgeber des Handelsblatts, Gabor Steingart, sagte ganz richtig: „Google hat im Königreich des Digitalen ein neofeudales Machtmonopol errichtet; aber nein, nicht anonyme Helfer, sondern wir selbst halfen, es gegen uns zu errichten. Wir sind dümmer als die Mäuse, denn wir haben den Speck, mit dem man uns fängt, selbst in die Falle gelegt.“[27]

Ähnlich erschreckend ist die Bindung vieler unserer Institutionen, auch öffentlicher, an den US-amerikanischen Softwaregiganten Microsoft. Dessen so genannter Quellcode, ohne den kein Programm läuft, unterliegt strengster Geheimhaltung. Diese Bindung an ein System, das sich nicht in die Karten sehen lässt, halten viele Experten wie etwa der grüne Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht für ausgesprochen gefährlich und angreifbar.

Aber am bedrohlichsten ist das, was Experten als Plattformkapitalismus bezeichnen. Jaron Lanier nennt solche Internetplattformen wie Amazon oder iTunes Sirenenserver. Sirenen, weibliche Fabelwesen der antiken Mythologie, lockten die Seefahrer durch betörenden Gesang an – allerdings nur, um sie zu töten, wenn die Verführten ihre Insel betreten hatten. Laron hat diesen Begriff gewählt, weil die Konditionen, zu denen sich der Nutzer einer solchen Plattform Musikstücke oder Waren aussuchen kann, verführerisch günstig sind: Ihr Gebrauch kostet nichts. Auf einen Schlag bekommt man meist ganz viele konkurrierende Anbieter genannt – wenn auch in einer undurchsichtigen Reihenfolge. Und ein bequemes Bezahl- und Transportsystem ist mit dem jeweiligen Angebot gleich verbunden. Mit wenigen Klicks kann der Kunde sich bei iTunes einen Musiktitel herunterladen, in den er zuvor auch noch kurz reinhören konnte. Die Musiker, deren Titel da vermarktet werden, wissen, dass Apple ihre Musik weltweit im Internet anbietet. Den Weg zum Kunden an Apple vorbei zu finden wird indes immer schwerer. Plattformen funktionieren so, dass nur ihr Betreiber die Daten der Nutzer wie auch der Anbieter kennt. Das verschafft ihnen die Monopolstellung. Jedes Mal, wenn ein Musiktitel verkauft wird, verdient Apple mit. Inzwischen beherrscht der Konzern drei Viertel des Musikmarkts – und die konkurrierenden Anbieter schrumpfen permanent.

Das Verrückte daran ist, dass diese Plattformen eigentlich nichts produzieren. Schon Keynes erfand eine neue eigenartige Variante des Kapitalismus, indem er dem Staat die Aufgabe zuwies, in Krisenzeiten Aufträge zu finanzieren, die nicht mit dem privaten oder industriellen Konsum konkurrieren. Berühmt ist seine flapsige Bemerkung, die Konjunktur erhole sich auch, wenn der Staat Löcher in den Boden bohren lasse. Wenig später haben Politiker erkannt, dass man schon handfestere Projekte ins Auge fassen könne: Hitler baute Autobahnen, etliche politische Führer entschieden sich seitdem immer wieder, durch die Finanzierung von Rüstungsgütern eine kriselnde Wirtschaft zu sanieren. Jetzt aber ist eine neue Variante gefunden, wie private Firmen, ganz ohne Güter zu produzieren reich werden können. Denn genau das ist Plattformökonomie. Diese Firmen bohren sozusagen nicht einmal Löcher in den Boden. Sie verwalten nur Daten. Absurder Weise geling es ihnen damit, immer mehr von denen, die materielle Werte schaffen, unter ihre Kontrolle zu bringen. Möglicherweise deutet sich hier die Agonie des Kapitalismus an – denn wie sollte das noch getoppt werden? Schöne disruptive Welt!

Disruptiv und smart sind die beiden Schlüssel- oder Reizwörter des digitalen Zeitalters geworden. Während das eine uns eine Welt vorgaukelt, in der sich alles Mühsame, ja, sogar Zerstörerische in etwas Leichtes, Luftiges, kurz: Erfreuliches verwandelt, benennt das andere die ganz und gar nicht smarte ökonomische Strategie, die solches Wunderwerk zustande bringt. Donald Trump twittert, dass er Assad als Vergeltung für dessen vermutlichen Giftgasangriff „smarte Bomben“ schicke. Damit Twitter aber funktioniert, musste der Kurznachrichtendienst disruptiv die bisherigen Nachrichtenkanäle aushebeln. Die Ökonomen der Stanford-University im Silicon Valley empfehlen ihren Betriebswirtschaftsstudenten, die davon träumen, ein neuer Steve Jobs zu werden, skrupellos alle bisherigen volkswirtschaftlichen Regeln über den Haufen zu werfen. Eben zu zer-stören. Und das gilt vor allem für das Kartellrecht. Monopole sind in unserer Wettbewerbsordnung eigentlich unerwünscht. Aber der Plattformkapitalismus hat gar kein anderes Ziel als die Monopolbildung. Er will gar keine freie Marktwirtschaft, sondern diese ablösen durch eine Diktatur der Datenmonopole. Soll das so bleiben?

Profile und Personalisierung schließen den Menschen ein

Die CEOs dieser Firmen haben nicht auf das Ergebnis der philosophisch-naturwissenschaftlichen Debatte über das Thema, ob der Mensch ein kalkulierbarer Bioroboter ist, gewartet, sondern längst angefangen, ihn als ein immer besser berechenbares Wesen zu behandeln. Die nur auf den ersten Blick plump wirkenden Versuche von Amazon, die Bedürfnisse des Kunden durch personalisierte, überall aufploppende Werbebanner zu manipulieren, gehen summa summarum auf, wie die Konzernbilanz zeigt.

Während des zweiten Weltkriegs benutzte das Oberkommando der deutschen Wehrmacht eine äußerst raffinierte Verschlüsselungsmaschine, Enigma genannt (das griechische Wort für Rätsel), um beispielsweise den Marineeinheiten die Einsatzbefehle zu übermitteln. Aufgrund von Algorithmen, die unter anderem Alan Turing entwickelte, konnten Entschlüsselungsmaschinen die Funksprüche dechiffrieren, was letztlich zur Ausschaltung der U-Boot-Flotte führte und entscheidend zum Sieg über das nationalsozialistische Regime beitrug.

Google versucht nicht nur einen Code zu knacken, sondern das „Rätsel“ all seiner Nutzer. Das Herzstück dieses Konzerns sind Algorithmen, die in der Lage sind, aus all den Daten, die ihm seine Suchmaschinen, Drohnen, Satelliten, Lautsprecher, Kameraaugen, Smartphones, Uhren, Brillen, e-mail-Server und so weiter liefern, den „Code“ zu errechnen, der uns Biomaschinen zum Laufen bringt, der insbesondere unser Kaufverhalten steuert. Diesen individuellen Code gilt es zu dechiffrieren – wozu all die abgeschöpften Daten (wie seinerzeit die abgefangenen Funksprüche) das Rohmaterial liefern.

Der Mensch als Roboter mit biologisch codierter Software ist für Google allerdings nur interessant, weil er konsumiert. Wir sind für Google nicht einfach Bioroboter, sondern Bioroboter mit Kreditkarte. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach, wir Armen“ seufzt Gretchen in Goethes Faust. Denn letztlich geht es nicht einmal um unsere Daten – letztlich geht es um unser Geld. Die Art und Weise, wie wir unsere Kreditkarte gebrauchen, indiziert dem Konzern, ob es gelungen ist, unseren Menschencode zu knacken: Wenn seine Algorithmen berechnet haben, welche Werbung für welche Produkte unserem Code am ehesten entspricht, dann sind wir für Google algorithmisch enträtselt. Unsere Buchungen und Bestellungen bei den Firmen, die die Suchmaschine als Plattform nutzen, zeigen den Programmierern des Monopolisten den Grad unserer Dechiffrierung an. Ist das Konto leer bzw. der Kreditrahmen ausgeschöpft, erlischt das Interesse an uns. Was sonst vom Menschen übrig bleibt, ist für Google Junk.

Das ganze Sozialversicherungswesen wie auch der Sozialstaat leben von dem Gedanken, den Menschen auch dann nicht allein zu lassen, wenn er in eine Notsituation gerät. Das forderten schon die Tora, die Ethik der christlichen Nächstenliebe und humanistische Gesellschaftsvertragstheorien. Amazon will jetzt, wie man liest, das Versicherungswesen „aufmischen“, indem zunächst seinen Mitarbeitern, später allen seinen Kunden personalisierte Tarife angeboten werden. Es versteht sich, dass nur der Gesunde davon Gebrauch machen wird – die anderen wird Amazon großzügig der Allgemeinheit und deren Systemen überlassen. Ein massiver Angriff auf unsere Sozialsysteme!

Vor fünfzig Jahren rebellierte eine ganze Generation gegen die Reduzierung des modernen Menschen auf ein Konsumwesen. Von Konsumterror war die Rede und vor allem von Konsumverweigerung. Der Mensch sollte, um wieder zu sich zu kommen, von der ständigen Fixierung aufs Konsumieren geheilt werden. Hätten die 68-er geahnt, was ein halbes Jahrhundert später Usus ist, wären sie sich in ihrer bescheidenen Konsumwelt wie im Paradies vorgekommen. Von Google, Amazon und all den anderen Plattformen werden wir heute rund um die Uhr getriggert, Produkte zu erwerben, die den Algorithmen der Datenfirmen zufolge genau dem entsprechen, was wir an Spuren im Netz hinterlassen haben. Gegen diesen Terror war der Neckermannkatalog eine Sottise.

Der Mensch wird nicht mehr als ein Wesen verstanden, das konsuminvariante, unkalkulierbare und unerwartete Bedürfnisse und neue Ansichten entwickeln kann, vielmehr wird er in die ihm legal oder illegal, mit oder ohne sein Wissen abgelauschten Daten eingesperrt. Die allen bisherigen Diktaturen überlegene Methode besteht darin, dass es dem Menschen selber überlassen wird, die Eingaben zu machen, die dazu führen, dass er immer berechenbarer wird. Am Anfang ist das für den Nutzer höchst befriedigend. Aufgrund seiner Eingaben erscheint das zu ihm Passende an Werbung, an personalisierten Nachrichten, an Kontakten auf den Bildschirmen. Aber unmerklich übernimmt dieser Algorithmus die Regie über sein Leben. Auf dem Cover von Jaron Laniers Buch Wem gehört die Zukunft? findet man einen Button, auf dem zu lesen ist: „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“ Das ist der zynische Wunsch vieler totalitärer Start-Up-Firmenchefs aus dem Silicon Valley.

Das neue Wort, das den Menschen kennzeichnen soll, ist sein Profil. Ein raffiniertes Programm der genutzten Plattform errechnet aus allen gesammelten Daten ein Phantombild des Internetnutzers.[28] Und die ergiebigsten Facetten dieses Profils sind die Informationen darüber, für welche Reize, Ideen oder Bilder der einzelne Mensch besonders empfänglich ist – denn über diese lässt er sich am besten ködern. Jeder, der sich nicht wehrt, kann damit Zug um Zug manipuliert werden, sobald er sich auf die Kommunikation mit den Algorithmen der Plattformen einlässt. Das ist etwas ganz anderes, als den Zufällen der analogen, also realen Welt ausgesetzt zu sein. Darin bestand seit Beginn der Evolution das Leben. Jetzt soll nichts mehr dem Zufall überlassen bleiben. Der Maschinenpark, zu dem die Menschheit umgebaut werden soll, funktioniert nur dann reibungslos, wenn jede einzelne Maschine zuverlässig gesteuert werden kann.

Dass jedem menschlichen Wesen ein Algorithmus entspricht, das genau behaupten auch die neuen Realisten, die den Menschen mit einem Bioroboter gleichsetzen. Denn Roboter können ja gar nicht anders agieren als im Rahmen ihrer Programmierung, auch wenn diese durchaus ein elektronisches „Lernen“ – also ein Programm zur Mustererkennung – mit einschließt.

Unvereinbar sind solche Praktiken und ist dieses Menschenbild mit Artikel 1 unseres Grundgesetzes, in dem die Würde des Menschen für unantastbar erklärt wird. Diese Würde lässt sich gerade nicht algorithmisch definieren. Sie basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch seine existentiellen Entscheidungen und seine Glaubensüberzeugungen selber treffen kann und muss. Sie billigt ihm zu, dass diese Entscheidungen sich aus Quellen speisen, die vielleicht nicht einmal ihm selber zugänglich sind. Sie fordert, dass jeder solche Entscheidungen, wenn sie nicht den Rahmen unserer Gesetze sprengt, zu respektieren hat. Sie unterstellt, dass Menschen ihre Partner und ihre Umgebung immer wieder überraschen können, weil sie sich entwickeln. Sie basiert auf dem Zutrauen, dass jeder Menschen jederzeit etwas ganz Neues anfangen kann, seine Meinung ändern kann, im wahrsten Sinne des Wortes handeln kann. Sie weist andererseits jedem Menschen damit die Verantwortung für sein Handeln zu.

In der Volksrepublik China soll ab dem Jahr 2020 ein Algorithmus für jeden Menschen einen Punktestand in einem Bewertungssystem errechnen, das darüber entscheidet, ob der Bürger kreditwürdig ist, ob er eine Wohnung kaufen darf, wie seine Karrierechancen sind und in welche Schule seine Kinder gehen dürfen. Die Daten für diese Bewertung liefern unter anderem Alibaba und deren Tochtergesellschaft Ant Financial, deren App Alipay mit rund 500 Millionen Kunden weltgrößter Anbieter für mobiles Bezahlen ist.[29] Das englische Substantiv ant (in Ant Financial) heißt bezeichnender Weise Ameise – und diese Tierchen sind nicht dafür bekannt, dass sie Wert auf individuelle Selbstentfaltung legen. Das gefährlichste an dieser Entwicklung ist, dass die Methoden der Datenerfassung, die in Silicon Valley erfunden wurden, von einer Diktatur genutzt werden, um nach Kriterien, die die kommunistische Partei jederzeit neu definieren kann, ihre Bürger zu kontrollieren.

Dies ist auch unsere Zukunft, wenn der Angriff auf die Demokratie erfolgreich ist, den die großen Datenkonzerne gestartet haben.

Der Angriff auf die demokratische Öffentlichkeit

Weil es auch Algorithmen sind, die die im Internet zugänglichen politischen Nachrichten gemäß errechnetem Profil personalisieren, erodiert die Demokratie. Heute melden sich in jeder öffentlichen Diskussion Menschen zu Wort, die fest davon überzeugt sind, dass sie besser über ein Thema informiert sind als alle anderen, dabei sind sie von den Algorithmen der Datenkonzerne völlig einseitig bedient worden und leben längst in einer Meinungsblase.

Der Blogger Schlecky Silberstein schildert in seinem Buch Das Internet muss weg sehr eindrücklich, wie seine Mutter, eine ursprünglich linke Sozialpädagogin, zur Pegida-Anhängerin wurde. Früher oder später entdeckte die Frührentnerin, wohl um ihrer Einsamkeit zu entrinnen, dass man über Facebook viele Kontakte gewinnen und pflegen kann – selbst um den Preis, dass man seine Kommunikationspartner gar nicht kennt. Sie merkte irgendwann, dass kritische politische Posts sehr viel mehr Resonanz einbringen als private. Da sie inzwischen süchtig nach Likes und Followern geworden war, begann sie gefällige Sätze als Post aus anderen Chats zu kopieren, etwa „Merkel riskiert einen Bürgerkrieg“. Auf diese Weise gewann sie 4000 Facebook-Freunde. Silberstein resümiert: „Natürlich nimmt man die politische Haltung der Echokammer an, wenn man sich den ganzen Tag auf der Jagd nach Likes mit rechtskonservativen Nachrichten beschäftigt.“[30]

Wer diese Technik am besten beherrscht, der wird in Zukunft Wahlen gewinnen. Der Facebook-Skandal, dass 50 Millionen Nutzerprofile letztlich von Donald Trumps Büro gezielt genutzt wurden, um vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl personalisierte Werbung zu schalten, spricht Bände. Wie Silberstein berichtet, versendete Trumps Wahlkampfteam am Tag der dritten TV-Präsidentschaftsdebatte nicht weniger als 175 000 verschiedene Variationen seiner Argumente – so präzise waren sie auf die Profile der Wähler zugeschnitten. Das Rezept ist einfach: ermittle aus den gekauften Daten die Bilder, Wünsche und Bilder, die dem Wähler besonders lieb und teuer sind, und verwende dieses Material, um ihn gezielt zu ködern. Im Vergleich dazu war Barack Obamas demographische Differenzierung seiner Internetwerbung nach Geschlecht oder Hautfarbe im Jahr 2009 holzschnittartig.[31] Aber inzwischen sind die Algorithmen eben sehr viel leistungsfähiger. Die ethischen Regeln des politischen Meinungskampfes müssen offensichtlich neu geschrieben werden.

Wer früher eine liberale Zeitung abonniert hatte, der wusste, dass ihm auf ihren Seiten unterschiedliche Meinungen begegnen, so dass er auf Ansichten stieß, die seinen entsprachen, und solche, über die er sich vielleicht anfangs ärgerte, manchmal aber doch ihren Wert erkannte. Dieses gerade nicht personalisierte Meinungsspektrum liberaler Zeitungen war und ist bis heute Voraussetzung für echte Meinungsbildung. Aber Zeitungen, die diesem Format entsprechen, haben im Internetzeitalter mit großen Absatzproblemen zu kämpfen. An ihre Stelle schieben sich Internetportale, die nach geheim gehaltenen Kriterien verschiedene User je nach deren Profil unterschiedliche Informationsangebote machen. Diese greifen heute immer noch häufig auf Artikel zurück, die den Standards des traditionellen Qualitätsjournalismus entsprechen. Man stelle sich vor, was für eine Substanz bei Google News übrig bliebe, wenn dieser Rückgriff nicht mehr möglich wäre, weil die Tageszeitungen der digitalen Konkurrenz weichen mussten. Träte dieser Fall ein, wäre die Demokratie am Ende. Ohne eine intakte vierte Gewalt gibt es sie nicht.

Spontankommentare zersetzen den zivilen Umgang

Seit die Nutzer ständig aufgefordert werden, ihre spontanen Gefühle zu welchem Schnappschuss, welchem flotten Spruch, welcher kleinen Darbietung, welchem Projekt auch immer sofort einem nebligen Gebilde, eben einer Cloud, mitzuteilen, wird das, was Zivilisation ausgemacht hat, ausgeschaltet: Selbstbeherrschung. Bis dato galt es in Europa als Charakterstärke, die Impulse, die uns spontan durchzucken, zu beherrschen. Das war so etwas wie der Sockel der Zivilisation. Für Big Data gelten andere Regeln: Verlangt werden gerade ungefilterte Impulse – und das ist Kennzeichen der barbarischen Gesellschaft. Scheinheilig, sich da über hashtags aufzuregen! Die Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki berichtet, dass jährlich allein in Deutschland 500 000 Beschwerden gegen Hasskommentare eingereicht werden. Es handelt sich wahrlich nicht um Einzelfälle!

Und diese Verrohung hat Folgen. Sozialpsychologen weisen darauf hin, dass unter den Millennials, den kurz vor der Jahrtausendwende geborenen ersten Digital Natives (die also mit Smartphones und Facebook aufgewachsen sind), Angststörungen und sogar die Zahl der Selbstmorde beängstigend zunehmen. Es ist nämlich ein fataler Irrtum zu glauben, dass unsere spontanen Impulse immer besonders menschenfreundlich wären. Eher trifft das Gegenteil zu.

Digital getriggerte Süchte werden zu einem Massenphänomen

Wenn ein Raucher im Supermarkt heute an der Kasse die Fotos genauer in Augenschein nimmt, die auf jeder Zigarettenpackung zu sehen sind, kann er nur zwischen Lungenkrebs, amputierten Beinen, Impotenz und ähnlich Betrüblichem wählen. Wer hingegen im Netz auf Werbung für Internetspiele stößt – die eher noch schädlichere Verhaltenssüchte hervorrufen – der muss sich überhaupt nicht gruseln: Vikings War of clans wirbt nicht nur mit einer sehr anheimelnden Phantasielandschaft, sondern dazu noch mit dem Slogan: „Dieses Spiel ist derart suchterregend, dass es unmöglich ist, damit aufzuhören.“ Gleichzeitig erfahren wir, es sei das bestes Spiel des Jahres. Das beste Spiel des Jahres soll also eines sein, das mit Sicherheit eine Sucht hervorruft. Und dieses Spiel ist wahrlich nicht das einzige, das seinen Nutzern völlig dreist garantiert, süchtig zu werden, sobald sie zu spielen anfangen. Was ist mit einer Gesellschaft los, in der eine solche Werbung nicht umgehend den Staatsanwalt auf den Plan ruft?

Die Unterordnung unter eine virtuelle Welt, die von Algorithmen konstruiert wird, prägt in besonders verhängnisvoller Weise das Freizeitangebot junger Menschen. In einer Lebensphase, in der der Mensch besonders aufnahmefähig ist, in der er geistige Kontinente und seine eigenen Fertigkeiten kennen lernen könnte, rauben ihm Sucht garantierende Internetspiele die dafür notwendige Zeit und Energie, ohne wesentlich zu seiner geistigen oder wenigstens körperlichen Entfaltung beizutragen.

Nach einer aktuellen Studie der DAK ist jeder 12. männliche deutsche Jugendliche zwischen 12 und 25 Jahren computerspielsüchtig. Es handelt sich also um Hunderttausende, ein Massenphänomen. Manche Spiele scheinen ein besonders hohes Suchtpotential zu bergen: Der amerikanische Psychologe Adam Alter geht davon aus, dass bis zu 40 % der Jugendlichen süchtig sind, die sich in der größten weltweiten Gamergemeinde tummeln, nämlich der von World of Warcraft.[32] Nach einer deutschen Studie wird WoW, wie Insider das Spiel nennen, durchschnittlich etwa vier Stunden lang gespielt, wobei 36 Prozent der Nutzer exzessiv spielen und 8,5 Prozent als abhängig anzusehen sind – 11,6 Prozent gelten als gefährdet.[33] An die Stelle authentischer Erfahrungen tritt nur der Kick, den seine Spielzüge dem Jugendlichen verschaffen. Hier glaubt er die Abenteuer zu erleben, die ihm das Leben vorenthält – weil er es ja auch immer weniger kennt. Ein Teufelskreis. Die Algorithmen des Spieles ziehen ihn aus dem echten Leben in ein scheinbares.

In den ersten Jahren der neuen Medienherrschaft waren es fast ausschließlich die Jungen, die sich von Internetspielen einfangen ließen. Das hat sich geändert, seit man aufs Smartphone Spiele wie Farm Ville, Kim Kardashians Hollywood oder das Video-Puzzle Candy Crush herunterladen kann, was offensichtlich auch junge Frauen anspricht. Die Datenkraken greifen früher oder später nach jedem Finger, der auf Endgeräten hin- und herrutscht.

Aber wer denkt, dass nur die Spielbranche Süchte digital wecken kann, der irrt: nahezu alle kommerziell betriebenen Internetfirmen kitzeln systematisch das Dopamin aus seinen Depots im Hirn heraus, nahezu alle wollen den Menschen nach irgend etwas süchtig machen. Wenn wir viel zu oft am Tag unsere e-mails checken, wenn wir neugierig die allgegenwärtigen Werbeangebote anklicken oder gar die Seiten mit sensationellen Schnäppchen laden (die natürlich immer nur ganz kurz zu dem Preis zu haben sind), kann so ein Verhalten schnell Suchtcharakter annehmen. Besonders aber, wenn junge Nutzer sozialer Netzwerke nach Likes gieren, die ihnen ihre geposteten Selfies oder flotten Sprüche einbringen. Rameet Chawla, der Erfinder einer Trick-App, mit der das Einsammeln von Likes perfektioniert wird, schrieb auf seiner Homepage: „Es ist das Crack unserer Generation. Die Leute sind süchtig danach. Wir haben Entzugserscheinungen. Die Droge treibt uns vor sich her, ein einziger Schuss führt zu merkwürdigen Reaktionen. – Ich spreche von Likes. – Ganz unauffällig haben sie sich zur ersten digitalen Droge gemausert, die unsere Kultur beherrscht.“[34] Chawla ist ein besonders dreister Dealer: er hat keinerlei Hemmungen, ganz offen über seine Geschäfte im modernen Drogenhandel zu sprechen.

Es gibt Kritiker, die die Einführung des aufgerichteten Facebook-Daumens für den eigentlichen digitalen Sündenfall halten – und dieser Daumen ist inzwischen zigfach von anderen Netzwerkbetreibern kopiert worden. Er lockt Kinder, Jugendliche und kontaktscheue Erwachsene wie der Rattenfänger zu Hameln in das Dunkel digitaler Einsamkeit.

Wenn ein durchschnittliches amerikanisches Schulkind im Alter zwischen acht und 18 Jahren die Hälfte seiner wachen Zeit mit elektronischen Medien wie Smartphones oder Tablets, Fernseher oder Laptops verbringt[35], dann ist sein Leben arm geworden, egal was ihm seine verschiedenen Bildschirme vorgaukeln. Und Millionen Eltern, die das Elend sehen, wissen nicht, wie sie ihr Kind von den Geräten, die sie ihm doch selber zu Weihnachten oder zum Geburtstag, zur Firmung oder Jugendweihe geschenkt haben, schützen können, ohne einen schrecklichen Familienkrach zu riskieren.

Social Media haben ohne jede Legitimation und ohne uns auf die Risiken und Nebenwirkungen aufmerksam zu machen das größte Erziehungsexperiment in der Geschichte der Menschheit gestartet. Jugendliche wachsen heran, die immer mehr Umgang mit einer digitalen und immer weniger Umgang mit der ursprünglichen, analogen Welt haben. Diese Generation, die kurz vor oder um das Jahr 2000 geboren wurde und deshalb auch Millenniumsgeneration genannt wird, zeigt nach Ansicht vieler Psychologen heute schon Auffälligkeiten, die sie nicht gerade dazu prädestiniert, mit den schwierigen Problemen fertig zu werden, die wir Älteren ihnen hinterlassen. Das beginnt beim Umgang mit dem Menschen aus Fleisch und Blut: immer häufiger kommt es vor, dass Jugendliche sehr gewandt mit ihren Onlinefreunden kommunizieren können, aber schüchtern und linkisch reagieren, wenn ihnen ein Mensch am Tisch in Natura gegenüber sitzt. Adam Alter zitiert einen Therapeuten, der das Problem umreißt: „Wie soll man denn lernen, mit anderen zu reden und zu flirten, sich mit ihnen zu verabreden und zusammen im Bett zu landen, wenn man sich nur noch online unter Leute traut? (…) Unsere Jungs (…) erwerben nicht die notwendigen Fähigkeiten, um Sexualität und Intimität unter einen Hut zu bringen. Viele wenden sich der Pornografie zu, statt echte Beziehungen einzugehen.“[36] In der Arte-Serie Homo Digitalis wird eine Untersuchung vorgestellt, nach der 70 % der bekanntermaßen besonders technikaffinen Japaner zwischen 14 und 34 Singles sind – und die Hälfte dieser Singles gar keine sexuellen Erfahrungen hat. Dafür kam es schon vor, dass Japaner ihre virtuelle Freundin geheiratet haben. Noch drastischer sieht es in der USA aus: in den 90-er Jahren hatten die Amerikaner laut Arte sage und schreibe neun Mal mehr Sex als heute. Vor 50 Jahren erlebte die westlich Welt eine sexuelle Revolution. Diese ist von der digitalen abgelöst worden – die sich ganz nebenbei als sexuelle Konterrevolution entpuppt. Das führt zu interessanten demographischen Überlegungen – die ich mir hier allerdings verkneife.

Muss man noch betonen, dass es nicht nur um Probleme der Beziehung zum anderen Geschlecht geht, sondern ganz allgemein die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, die Empathiefähigkeit, die Frustrationstoleranz und vor allem auch die Konzentrationsfähigkeit in Mitleidenschaft gezogen wird?

Alter ist wahrlich nicht der einzige, der die Entwicklung mit Sorge betrachtet. Wenn Manfred Spitzer eines seiner letzten Bücher Digitale Demenz nennt, dann meint er damit die erschreckende Tatsache, dass Demenz heute kein reines Altersphänomen mehr ist, weil schon die Jüngeren ihr Hirn durch exzessive Mediennutzung in Unordnung gebracht haben. Lernen zum Beispiel kann nur der gut, der seinen rosa Zellen die notwendigen Ruhepausen gönnt – heute absolut keine Selbstverständlichkeit mehr.

Das sind keine guten Voraussetzungen dafür, die großen Zukunftsaufgaben zu meistern. Fähigkeiten, für deren Entwicklung die Evolution Hunderttausende, ja Millionen von Jahren benötigte, verkümmern im Datenzeitalter in kürzester Zeit. Sie fehlen bei der Entfaltung der Persönlichkeit und schmälern die Chancen für die Entwicklung von selbstbewussten, gebildeten und selbstmotivierten Persönlichkeiten.

Was die süchtigen Jugendlichen heute schon millionenfach erleben, kann man als Vorbote kommender Zeiten sehen. Noch sind die Avatare Teil eines Spiels, an Flachbildschirme gebunden und für jeden nicht schon völlig abgedrehten Jungendlichen klar als Kunstprodukte zu erkennen. Aber das muss nicht so bleiben. Je besser es der Industrie gelingt, virtuelle Welten bzw. virtuelle Wesen zu konstruieren, die die echten bzw. den Menschen aus Fleisch und Blut imitieren, desto verführerischer wird es für anfällige Menschen werden, sich auf diese und damit auf die undurchsichtigen Algorithmen ihrer Betreiber einzulassen. Bald werden diese künstlichen Pendants täuschend echt mit uns kommunizieren, was ein falsches, sehr bald mit dicken Emotionen unterlegtes Vertrauensverhältnis zur Folge haben dürfte. Das Suchtpotential kann dadurch ja nur wachsen. Der Manipulation des Menschen sind Tür und Tor geöffnet. Das virtuelle Scheinleben schiebt sich über das echte.

Der Energiehunger der Server

Ökologisch gestimmte Naturalisten begegnen dem Menschen häufig mit größten Vorbehalten, weil sie als Anwalt der Natur seinen ökologischen Fußabdruck mit großer Sorge oder gar Empörung betrachten. Es ist erstaunlich, dass sie einen der größten Energiefresser übersehen zu haben scheinen, er taucht zumindest in öffentlichen Debatten kaum auf. Die Digitalisierung und Vernetzung der Welt hängt entscheidend davon ab, dass geradezu abenteuerlich viele Gigawatt Leistung bereitgestellt werden. Schon vor ein paar Jahren fraßen die deutschen Internetnutzer jährlich die Energie, die von vier Kernkraftwerken produziert wird. Allein die Digitalwährung Bitcoin hat heute denselben Energieverbrauch wie ganz Dänemark – und werden noch weitere zwei Jahre Bitcoins „geschürft“, dann benötigte man nach Berechnungen von Experten dafür so viel Energie wie der Staat, der heute als Energiefresser Nummer eins gilt: die Vereinigten Staaten. Aber auch jedes harmlose Instagrammbildchen von der gerade servierten Pizza oder dem nach drei Tagen zurückgekehrten Kater ist nicht ohne Energie zu haben, die die Server für ihre Kühlung brauchen, und produziert dazu noch entsprechende Abgase.[37] Harald Welzer gibt in seinem Buch Die smarte Diktatur an, dass der Nutzer eines Smartphones für dessen Betrieb so viel Energie verbraucht wie ein mittelgroßer Kühlschrank.[38] Damit eines Tages Heerscharen von Androiden sich auf unserem Planeten bewegen können, bedürfte es noch ganz anderer Energieströme. Gegen ökologische Bedenken sollten die Propheten einer transhumanen Zukunft sich lieber immunisieren.

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Provokation gläubiger Menschen aller Religionen

Religion ist nach Überzeugung der Naturalisten eine Illusion, für mache immerhin eine nützliche. Edward Wilson, amerikanischer Naturalist und bekennender Atheist, empfiehlt seinen Landsleuten voller Zynismus: „Ob als Atheisten oder Gläubige, lasst uns weiterhin die Hand auf die Bibel legen und schwören: So wahr mir Gott helfe. Lasst uns Priester, Prediger und Rabbiner bitten, öffentliche Feierlichkeiten mit ihren Gebeten zu segnen, und lasst uns vor allem weiterhin aus gemeinsamem Respekt vor ihnen den Kopf senken. Seien wir uns bei jedem Psalm und jeder Anrufung bewusst, dass wir von der Poesie und Seele unseres Stammes umgeben sind.“[39] Und dies einzig und allein deshalb, weil „Stämme“ mit intaktem religiösen Kultus evolutionär erfolgreicher sein sollen. Daran zumindest hält sich der gegenwärtige amerikanische Präsident. America first!

Die Religionskritik eines Marx, Freud oder Feuerbach verblasst vor der Wucht, mit der die Naturalisten heute alle religiösen Menschen dieser Welt diffamieren – und damit die überwältigende Mehrzahl aller Menschen. Ihnen wird vorgehalten, dass sie nur aufgrund mangelnder Bildung oder einer hartnäckigen Weigerung, wissenschaftliche „Tatsachen“ anzuerkennen, an obsoleten Ideen festhalten.

Der Naturalismus birgt damit eine politische Sprengkraft, die uns längst alle trifft, wenn verbrecherische Islamisten den Atheismus dieser Vertreter des Abendlandes zum Vorwand nehmen, unsere ganze abendländische Kultur für vogelfrei zu erklären. Gegen deren Attacken müssen auch Naturalisten in Schutz genommen werden. Allerdings können die Werte, die uns zu solcher Solidarität veranlassen, aus ihrer Weltsicht wohl kaum abgeleitet werden. „Ich bin nicht Charlie“, aber ich halte es für unverzichtbar, dass unsere abendländische Wertegemeinschaft jeden atheistischen Charlie gegen diejenigen schützt, die ihm nach dem Leben trachten.

Der Mythos von den Lemmingen

Lemminge sollen sich gelegentlich kollektiv über Felsenränder hinweg in den Abgrund stürzen. Das ist allerdings ein Mythos und lässt sich wissenschaftlich nicht erhärten. Wenn schon bei diesen Tierchen kein kollektiver Todestrieb auszumachen ist, dann sollten auch wir Menschen angesichts uns kollektiv drohender Gefahren in der Lage sein, unsere Seele wie unsere Haut zu retten.

Uns geht es in diesem Manifest um die Gefahren, die aus einem falschen Selbstverständnis des Menschen herauswachsen. Wohl wissend, dass die Industrie ohne digitale Aufrüstung hoffnungslos ins Hintertreffen geraten wird, wollen wir wenigstens verhindern, dass dieser digitale Schnellzug durch den Wind, den er erzeugt, alles zum Taumeln bringt, was uns im Abendland an unserer Art, dem homo sapiens, wichtig war. Die These, der Mensch sei ein Bioroboter, stellt Freiheit, Wahrheit, Achtung vor dem Glauben des anderen, Demokratie und Zivilisation in Frage. Leider verschließen immer größere Teile unserer Eliten die Augen vor den gewichtigen Einwänden, die gegen diese selbstzerstörerische These schon längst bekannt sind, weil sie sich völlig einseitig der Aufgabe verschrieben haben, Deutschland zu einem Vorreiter der Digitalisierung zu machen.

Man sollte meinen, dass all diejenigen, die sich die Achtung vor dem Menschen bewahrt haben, dafür laut und deutlich Widerspruch anmelden. Wir sind erstaunt darüber, dass dies nur so zaghaft geschieht. Wo bleibt das deutliche Wort unserer Kirchenführer ? Was haben die Kultusminister unternommen, um sicher zu stellen, dass sich alle Schüler kritisch mit dem kybernetischen Menschenbild auseinandersetzen? Warum wurde all den Versuchen, den Menschen nachzubauen, von Medien und Verlagen jahrelang so viel devote Aufmerksamkeit entgegengebracht – obwohl die Schäden, die die damit einhergehende schleichende Veränderung unseres Menschenbildes mit sich bringen, längst unübersehbar sind? Unablässig wird dafür getrommelt, dass wir voller Hast in ein neues digitales Zeitalter aufzubrechen haben. Was ist das für ein fataler Glaube, der die Zukunft unseres Volkes oder der Europäer in Gefahr sieht, wenn wir diesen Trommlern nicht folgen? Es wird stimmen, dass wirtschaftliche Zwänge uns etliche Veränderungen nicht ersparen. Aber müsste da nicht mindestens als Flankenschutz die weltanschauliche Auseinandersetzung mit allen Ideologien, die dem Menschen seine Würde nehmen, intensiviert werden?


VII. Was tun?

Jedes Manifest bekundet die Entschlossenheit seiner Unterzeichner, den Gang der Dinge zu beeinflussen. Das ist bei diesem Manifest nicht anders. Aber keiner von uns kennt das eine Zaubermittel, mit dem der digitale Drache, der sich von seiner Kette losgerissen hat, wieder eingefangen werden kann. So bleibt uns nur übrig, aufzurufen zu tastenden Domestikationsbestrebungen aller Art, die von ganz konventionellen Verbesserungen der Datenschutzgesetze bis hin zu subversiven spontanen Aktionen gegen die Datendiebe und digitalen Menschenverstümmler reichen. Schlaue Autoren haben da ja schon einige Vorschläge gemacht.[40] Hier folgt eine schmale Liste von Ideen, die diesen Pluralismus abbilden soll und absolut ergänzungsbedürftig ist.

Erstens: Man sollte immer bei sich selber anfangen. Erinnere wir uns an den Beginn der ökologischen Bewegung: Einzelne Menschen beschlossen, nicht mehr jeden Tag Fleisch zu essen, saßen in der kühlen Jahreszeit in wärmeren Klamotten in der Wohnung anstatt die Heizung maximal aufzudrehen oder begannen ihre Dächer zu begrünen. Das war plötzlich schick und schuf Solidarität. Auf einmal fühlten sich viele Einzelne verantwortlich für unseren Planeten und demonstrierten dies durch ihr buntes Vorbild.

Warum sollte es nicht gelingen, eine Bewegung zu schaffen, nach der es absolut unschick und unkorrekt ist, jede Pizza, die man gleich verzehren wird, zu fotografieren und ins Netz hochzuladen, schon deshalb, weil es sinnlos viel Energie frisst? Wieso sollte es nicht möglich sein, die als tumbe Toren abzustempeln, die jeder Aufforderung nachkommen, irgendetwas spontan zu bewerten und zu kommentieren? Sollte es nicht möglich sein, den Anteil der Internetnutzer, die die neugierigen Fotoaugen auf ihren Tablets oder Smartphones abkleben, von heute immerhin schon 30 % auf das Doppelte oder mehr anzuheben? Ist es wirklich entspannend, verkabelt mit einem Puls- und Sonstwasmesser am Arm (der nicht nur mir, sondern auch der Krankenkasse – vor allem, wenn sie bald von Amazon betrieben wird – meine Werte zuspielt) durch schöne Herbstwälder oder Winterlandschaften zu joggen? Wann endlich wird es allgemein als völlig uncool bzw. asozial gelten, während eines Gesprächs die einlaufenden WhatsApp-Nachrichten zu lesen? Wann werden sich Jugendliche mit denen identifizieren, denen so ein Verhalten nur noch peinlich ist? „Mache das, was du tust, konzentriert und ohne Dich ablenken zu lassen.“ Das war eine gute Lebensmaxime – und das Schöne daran ist: man kann sie jederzeit wieder in Kraft setzen.

Natürlich wurde aus der anfangs eher kopflastig begründeten ökologischen Bewegung erst durch Katastrophen wie der von Tschernobyl eine, die anschaulich belegen konnte, was passiert, wenn man sich auf so eine fragwürdige Technik wie die Kernkraft einlässt. Aber sie begann schon davor, das sollte man nicht vergessen! Das Tschernobyl oder Fukushima des Datenzeitalters hat noch nicht stattgefunden – aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir es erleben werden. Sollte man nicht bei denen sein, die schon vorher aktiv geworden sind und Vorsorge getroffen haben? Wozu wir ermuntern, das ist eine große Bewegung für Datenaskese, für die es ja durchaus schon Vorbilder gibt. Gefragt ist eine große Kampagne – vielleicht unter dem Motto „Ich nicht!“. „Verweigert die Likes! – Ladet keinen Schwachsinn hoch! – Klebt die neugierigen Fotoaugen auf Euren Laptops ab! – Richtet Zeitzonen ein, in denen die Geräte ausgeschaltet sind! – Besinnt Euch auf Analoges!“

Zweitens: Landauf landab zeigen sich Bildungspolitiker besorgt darüber, dass unsere Jugend zu wenig auf den internationalen Wettbewerb vorbereitet sei. Während in Frankreich unter Macron ein landesweites Verbot erging, dass in den Schulen Handys oder Smartphones genutzt werden, rüsten die Schulen hierzulande nach Kräften elektronisch und digital auf.[41] In vielen Bundesländern wird der Anteil des Faches Informatik an den Stundentafeln gerade massiv erhöht, Lehrpläne der Naturwissenschaften werden immer weiter vollgestopft mit Forschungsgebieten, die zum Teil noch derart im Fluss sind, dass ihre Hypothese bereits wieder veraltet sind, während etwa die Biologielehrer sie „endlich“ in ihre Stoffverteilungspläne integriert haben. Aber kein einziger Bildungspolitiker in Deutschland hat bis heute dafür plädiert, dass der klammheimliche Austausch eines an Würde und Freiheit des Menschen orientierten Menschenbildes gegen die Ideologie vom Bioroboter Mensch Thema in den Schulen sein muss. Es scheint ihnen nicht klar zu sein, dass die ideologische Quelle für die Missachtung der Würde des Menschen im digitalen Zeitalter ja gerade darin besteht, dass dieser Mensch als Bioroboter verstanden wird – so dass die immer besser auf digitale Welten eingestimmten Schüler am Ende gar nicht verstehen, warum sie ihr Wissen nicht dazu verwenden sollen, die Entmündigung des Menschen selber noch voranzutreiben.

Gerade wir Deutschen wissen doch aus der Geschichte, wohin eine falsch verstandene Wissenschaftsgläubigkeit führt. Deutschland war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Land mit den am besten ausgebildeten Naturwissenschaftlern und Technikern. Nach einer idealistischen klassischen und romantischen Epoche wurden die Deutschen „realistisch“. 1900 schrieb Max Planck seinen berühmen Aufsatz, der das Zeitalter der Quantenmechanik einleitete, fünf Jahre später reichte Albert Einstein die Relativitätstheorie ein. Die erste Kernspaltung fand 1938 ausgerechnet in Berlin statt, den ersten Prototyp eines programmierbaren Computers baute 1941 Konrad Zuse in Hoyerswerda, die weltweit erste Rakete zündete ebenfalls während des Krieges in Peenemünde. Höchstleistungen, wohin man sieht. Die überaus effektive naturwissenschaftliche Ausbildung all dieser Talente wurde ab 1933 begleitet von einer rassistischen und eugenischen Interpretation der Evolutionstheorie, wie sie in den Schul-Biologiebüchern der NS-Zeit nachzulesen ist. Biologie wurde im Dritten Reich zum zentralen Bildungsfach – aber schon lange davor war die humanistische Bildung in die Trockenkammern der Altphilologen eingesperrt worden. Da war nicht mehr viel Glaubwürdiges, das Jugendliche dem Schulunterricht entnehmen konnten, wenn sie auf der Suche nach dem Wesen des Menschen waren. Eine kritische Reflexion der modern gewordenen biologistischen Menschenbilder fand auch vor 33 in den Schulen einfach nicht statt.

Und heute? Wieder macht sich ein naturwissenschaftlich unterfüttertes Menschenbild breit, das auf fragwürdige Weise Kenntnisse vor allem der Kybernetik und Neurobiologie zu einer Vorstellung verknüpft, nach der der Mensch ein Bioroboter ist und das Glück der Menschheit an ihrer Einbindung in die digitale Welt hängt. Während derartige Phantasien um sich greifen, beschäftigt man sich im Religionsunterricht lieber mit den altbewährten Religionskritikern Freud und Feuerbach – eine Absurdität, weil Schüler und Lehrer Zeit und Energie verschwenden, um beispielsweise das obsolete Freudsche Es-Ich-Über-Ich-Schema und – noch absurder – seine verwegene Ödipus-Theorie zu erarbeiten, nur damit der Lehrer seinen Schülern anschließend eine sonst gar nicht mehr virulente Religionskritik verklickern kann. Um die Schulen herum haben längst ganz andere geistige Mächte das Sagen. Hier muss gegengesteuert werden. Die Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Naturalismus – der Grundlage der Bioroboterideologie, nach der eben alles, auch der Geist und das Bewusstsein sich aus natürlichen Prozessen generiert – muss zu einem festen Bestandteil unserer Lehrpläne gemacht werden. Das erfordert große intellektuelle Anstrengungen, denn die Fragen sind alles andere als trivial. Und selbstverständlich bedeutet das in einem weltanschaulich neutralen Bildungssystem, dass einerseits die Argumentationsweise des Naturalismus sauber herausgearbeitet werden muss und andererseits die Argumente vermittelt werden müssen, die gegen ihn sprechen.

Drittens: Jede liberale Gesellschaft toleriert bei ihren Bürgern in einem gewissen Maße Drogen, die Süchte hervorrufen können. Ausgenommen von dieser Toleranz sind allerdings Minderjährige, weshalb es ein Jugendschutzgesetz gibt, das genau festlegt, ab welchem Alter man Zigaretten oder Alkohol kaufen darf. Absurder Weise gilt dies nicht für eine neue Sucht, die sich heute wie keine andere ausbreitet: die Abhängigkeit bisher männlicher, inzwischen aber immer häufiger auch weiblicher Jugendlicher von Computerspielen. Die darf jeder kaufen. Zwar können Computerspiele als jugendgefährdend eingestuft werden – aber Kriterien dafür sind die Inhalte, die im Spiel eine Rolle spielen – etwa Gewalt verherrlichende oder pornographische Darstellungen –, nicht der reine Suchtfaktor.

Es ist sogar noch schlimmer: im Koalitionsvertrag findet sich die Zusage, in der laufenden Legislaturperiode den E-Sport – eine euphemistische Umschreibung von Computerspielen – als „eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht“ anzuerkennen und „bei der Schaffung einer olympischen Perspektive“ zu unterstützen. Großartig: dann wird demnächst jeder der 200 000 Computersüchtigen seinen Eltern erklären, dass sie ihn bitte nicht vom Training abhalten mögen, wenn er mal wieder die Nächte verzockt. Begründet wird diese gesundheitsgefährdende Initiative mit dem ökonomischen Interesse der Zigtausend in der Spieleindustrie Beschäftigten. Aus dem gleichen miesen Grund liefern wir ja auch Panzer in Krisengebiete (Türkei, Saudi-Arabien), obwohl das dem Kriegswaffenkontrollgesetz widerspricht.

Unser großes Nationalepos handelt von einem Mann, der einen Pakt mit dem Teufel schließt. Und obwohl in diesem Epos als Folge dieses Paktes haufenweise Leichen auf der Bühne zurückbleiben, bemühten sich Interpreten im Dritten Reich, in der DDR und sehr wohl auch in der BRD, diesen Antihelden als Vorbild hinzustellen. Dies scheint auch für die Berliner Koalitionäre zuzureffen. Wir wissen zwar, dass Panzer schießen können (vorausgesetzt, man wartet sie richtig), aber vielleicht dienen sie ja auch nur zur Abschreckung. Wir kennen das Suchtpotential von Computerspielen, aber man kann doch auch Geld mit ihnen verdienen… So wird das Böse billigend in Kauf genommen, damit das Gute (Geld) geschaffen werden kann.[42]

Ohne Umschweife: Jugendliche müssen vor der Gefahr geschützt werden, dieser Sucht zu verfallen. Spiele mit Suchtpotential sind ins Jugendschutzgesetz aufzunehmen – und zwar nicht nur dann, wenn sie virtuelle Gewaltanwendung zelebrieren, sondern auch dann, wenn sie Jugendliche derart in ihren Bann ziehen, dass diese sich nur noch in der virtuellen Welt und nicht mehr in der echten Welt freuen können. Toxisch ist bereits die verbreitete ganz alltägliche Fixierung auf diese Spiele. Es ist ja auch bei der Nikotinsucht gelungen, durch entsprechende Warnhinweise auf Zigarettenpackungen einen Abschreckeffekt zu erzielen. So wäre es das mindeste, den Spielebetreibern gesetzlich vorzuschreiben, dass während des Spielens regelmäßig sekundenlang Banner mit Warnhinweisen aufploppen – wofür einem gleich hübsche Vorschläge in den Sinn kommen: „Stundenlanges Computerspielen erhöht die Wahrscheinlichkeit, adipös zu werden“ – gleich mit entsprechendem Fotobeispiel – oder: „Welches Mädchen interessiert sich für einen Jungen, der immer nur vor dem Bildschirm sitzt? Computersucht kann zu sozialer Isolation führen“.

Viertens: Wenn die Demokratie darauf angewiesen ist, dass sich Bürger über politisch relevante Sachfragen frei bei entsprechenden Qualitätsmedien informieren können, dann muss das Gemeinwesen dafür Sorge tragen, dass dieser plurale Informationsfluss nicht versiegt. Der Bürger selber sollte es sich drei Mal überlegen, ob er das Abonnement bei einer anspruchsvollen Tages- oder Wochenzeitung kündigt – aber auch der Staat muss die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen der ungehinderte Zugang zu Informationen weiterhin besteht. Neben den privatwirtschaftlichen Nachrichtenportalen wie z.B. Google News mit ihrer undurchsichtigen personalisierten Auswahl an Informationen müssen deshalb auch öffentlich-rechtliche etabliert werden. Vor allem müssen Kontrollorgane mit so viel Sachverstand und finanziellen Mitteln ausgestattet werden, damit sie die alltäglich gewordenen Angriffe durch Hacker, Social Bots oder andere Manipulatoren erkennen und abfangen können.

Fünftens:  Gefordert ist unbedingt auch die Politik. Besonders in Bereichen, wo die nationale Sicherheit und Souveränität aufgrund der Monopolstellung der Internetfirmen betroffen ist, erscheint eine massive Intervention geradezu unausweichlich. Drei Konstituenten unserer Wirtschaftsordnung werden inzwischen permanent verletzt:

Zum ersten gelingt es u.a. aufgrund der freiwilligen Mitarbeit der Kunden an der Wertschöpfung der Datenkonzerne nicht mehr, diese Wertschöpfung angemessen zu besteuern. Denn wie will man diese freiwillig und gratis erbrachte Leistung, die das Konzernergebnis erst ermöglicht, fiskalisch erfassen? Die unglaubliche Tatsache, dass etliche der größten Konzerne der Welt lächerlich wenig Steuern zahlen, hat sicher mehrere Gründe, aber dieser ist ein besonders perfider. Die Wiederherstellung der Steuergerechtigkeit ist eine vordringliche Aufgabe unserer Politiker.

Dann lebt unsere Wirtschaftsordnung von der Aufrechterhaltung des Wettbewerbs. Der aber wird im Zeitalter des Plattformkapitalismus mit wachsender Tendenz ausgeschaltet. Hier sind die Wettbewerbshüter gefordert, neue Wege zu gehen und die Monopolbildung zu verhindern bzw. bestehende Monopole zu zerschlagen. Immerhin hier ist Deutschland auf einem guten Weg: die 9. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen aus dem Jahr 2017 geht in die richtige Richtung.

Wenn der Koalitionsvertrag nach der Betonung des Kartellrechts allerdings schon in seinem nächsten Abschnitt ankündigt, „starke deutsche und europäische Akteure der Plattformökonomie“ zu fördern und deshalb „vorhandene Hemmnisse abbauen“ möchte, dann fragt man sich, ob „die Rechte von Beschäftigten und Verbrauchern“, für die sich die Koalitionäre einsetzen wollen, dabei nicht systembedingt unter die Räder kommen. Eine nicht-disruptive Plattformökonomie ist noch nicht erfunden. Da kann man schon zum Internationalisten werden, denn was für einen Unterschied macht es für amerikanische wie deutsche Verbraucher, ob die Plattformen, die ihr Leben immer stärker dominieren, einen deutschen oder einen amerikanischen Namen besitzen?

Und schließlich entziehen sich die global operierenden Datenkonzerne zunehmend der nationalstaatlichen Kontrolle – und haben sogar die Frechheit, dies öffentlich zu kommunizieren. Christof Keese schreibt: „Nicht nur, dass der Cyberspace mehr und mehr zu einem Territorium wird, in dem nationale und supranationale Gesetze nicht gelten. Es gibt auch keine Gewaltenteilung. Facebook, Google & Co. stellen die Regeln auf, kontrollieren ihren Vollzug und organisieren das Beschwerdewesen. Sie sind Legislative, Exekutive und Judikative in einem.“[43] Angesichts der Tatsache, dass der Aktienwert von Google das Bruttoinlandsprodukt kleinerer Nationalstaaten übersteigt, will das schon was heißen! Riesige rechtsfreie Räume sind im Entstehen.

Dagegen beginnt die europäische Politik sich immerhin zu wehren: EU-Justizkommissarin Věra Jourová bekundete im Zusammenhang mit dem Facebook-Skandal, Facebook und andere wüssten, „dass das Spielzeug in ihren Händen schwierig zu kontrollieren ist, dass sie sich eine Menge Macht gekrallt haben. Und wenn wir sie nun bitten, dafür Verantwortung zu übernehmen, wissen sie nicht, was sie tun sollen. Natürlich wollen wir uns ein Stück dieser Macht zurückholen.“ Deshalb sei ein „Gegenmittel“ nötig, „eine schlaue Regulierung, die die Risiken herausfiltert und die Internet-Sphäre ansonsten nicht weiter beeinträchtigt“.[44] Viel Erfolg! Denn einfach wird das sicher nicht, erinnert ein wenig an die Quadratur des Kreises.

Larry Page, Mitbegründer der Google-Muttergesellschaft Alphabet, sagte 2013: „Es gibt eine Menge Dinge, die wir gerne machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind. Weil es Gesetze gibt, die sie verbieten. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir sicher sind. Wo wir neue Dinge ausprobieren und herausfinden können, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben.“[45] Damals wurde ruchbar, dass Google plante, außerhalb nationaler Gewässer riesige Schiffe zu stationieren, um im rechtsfreien Raum der Weltmeere an allen Gesetzen vorbei operieren zu können. Eine Alternative wären Stationen im Weltall, dem größten rechtsfreien Raum – und in der Tat konnte man der Tagespresse 2016 entnehmen, dass die ersten Google-Satelliten bereits dort angekommen sind – 2018 sollen dann 24 von ihnen die Erde umkreisen.

Mindestens diese drei Dinge muss die Politik – und so wie die Dinge liegen kann es letztlich nur die internationale Politik sein – erreichen: Sie muss ganz neue Modelle der Steuergerechtigkeit entwickeln, sie muss ständig das Wettbewerbsgesetz den neuen digitalen Geschäftsmodellen anpassen, um unsere Wirtschaftsordnung zu bewahren, und sie muss die rechtsfreien Räume zurückerobern, die die Datenkonzerne errichtet haben. Dass diese Themen in den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU/CSU 2018 eine nennenswerte Rolle gespielt haben sollen, kann man leider nicht behaupten.

Geschichtliche Erfahrungen[46]

Gut eine Generation ist es her, dass im Osten Deutschlands der Unmut über ein totalitäres System, das Zensur ausübte, seinen Bürgern die Meinungsfreiheit vorenthielt, gläubigen Menschen willkürlich den Zugang zu Hochschulen verwehrte, die Reisefreiheit massiv einschränkte, aufmüpfige Jugendliche in Anstalten steckte, wo sie von Sadisten körperlich gequält und seelisch verstümmelt wurden, auf die Straße trieb. Diese Menschen hatten damals das Glück, unter günstigen äußeren Bedingungen den Kampf für Freiheit und Würde zu gewinnen, weil sich immer mehr Menschen getrauten, mit ihnen zu demonstrieren. Dass sie auch heute besonders sensibel auf die neue Gefährdung der Freiheit reagieren und die ganz anderen Angriffe auf die Würde des Menschen mit großer Sorge registrieren, das ist kein Wunder. 25 von ihnen sind die Unterzeichner dieses Manifests.

Freilich sind die Gegner, die uns jetzt gegenüberstehen, ganz anders als die spießigen und vergreisten Kader in der letzten Phase des SED-Regimes. Sie sind äußerst kreativ und meist jung, sie präsentieren ihre Produkte lieber im Muskelshirt als mit Schlips und Anzug, das Geld, das sie sich leihen, heißt „Wagniskapital“ oder „fresh money“, die „Gründer“ pflegen eine hippe anti-hierarchische Unternehmenskultur und ihr Umgangston ist salopp. Legendär sind die Biographien der Erfolgreichsten von ihnen. Diesem Charme sich zu entziehen fällt schwerer als gegen eine Diktatur anzukämpfen, deren Schrecken verbreitende Geheimpolizei es geschafft hatte, jeden sechzehnten Bürger des Landes zur Mitarbeit bei der Bespitzelung seiner Mitmenschen zu nötigen, und der jedem sein hässliches Antlitz zeigte, der es wagte, Menschenrechte einzufordern. Die DDR war eine Diktatur nach dem Muster Orwells. Das totalitäre System, das die jugendlich auftretenden Firmengründer aus einem Tal südlich von San Francisco installieren wollen, entspricht eher der effektiven Brave New World Huxleys. Die Wanzen wurden von der Stasi heimlich in die Hörer der Telefone hineingefummelt oder hinter der Tapete versteckt. Für Amazons sprachgesteuerten Lautsprecher Alexa, der sämtliche Gespräche in der Wohnung mithören kann, zahlen die Kunden sogar freiwillig Geld.

Es ist ein Alarmzeichen, dass einer, der seit Jahrzehnten selber dieser Szene angehört, heute schreibt: „Es besteht die reale Gefahr, dass sich evolutionäre Psychologie, Künstliche Intelligenz und die Verherrlichung von exponentiellem Wachstum zu etwas ganz Großem auswachsen. Denn es geht um nicht weniger, als die Software zu schreiben, die unsere Gesellschaft und unser Leben steuert.“[47] Jaron Lanier, von dem diese Worte stammen, prophezeit, dass Millionen von Menschen unter der Ideologie dieser „intellektuellen Cyber-Totalitaristen“[48] leiden werden, wenn es nicht gelingt, ihre Macht zu brechen.

Die Erfindung des Internets verfolgte ursprünglich die großartige Idee, Wissen weltweit auf sehr einfache Weise jedem Interessenten zugänglich zu machen. Dann aber bemächtigten sich exponentiell wachsende Firmen der dafür entwickelten Technik und verwandelten eine der wichtigsten Innovationen der Menschheitsgeschichte in ein Instrument, das in rasendem Tempo unser Leben, unsere Vorstellung von uns selber und unsere Gesellschaften verändert und dabei immer größere Schäden anrichtet. So schnell wie möglich muss Google, Facebook, Amazon und all den anderen Betreibern diese Gestaltungsmacht entzogen und neu verhandelt werden, unter welchen Konditionen die digitalen Techniken zum Einsatz kommen dürfen, so dass sie wirklich zum Segen und nicht zum Fluch der Menschheit werden.

Wir sind nicht gewillt, tatenlos zuzusehen, wie unsere Freiheit und Privatsphäre, unser zivilisierter Umgang miteinander, die Achtung vor dem Glauben anderer, unsere Sozialstruktur, unsere Marktwirtschaft, unsere Demokratie und unsere Umwelt einem digitalen Abgott geopfert werden. Wir sehen die Gefahr, dass unser Land in eine neue Art von totalitärer Herrschaft hineinschlittert, die in diesem Fall nicht von politischen Eliten, sondern von Datenmonopolisten ausgeübt wird. Wir sind beunruhigt, dass das diese neue totalitäre Herrschaft begünstigende Menschenbild von keinem Politiker, vor allem nicht von den für Bildung Verantwortlichen in den Blick genommen wird. Während erhebliche Mittel bereitgestellt werden sollen, um Klassenzimmer digital aufzurüsten, während – durchaus verständlich – gefordert wird, dass unsere Schüler und Schülerinnen das Programmieren lernen sollen, vermisst man in den Bildungsprogrammen der Berliner Koalitionäre und in den Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz jeden Hinweis auf die zwingend notwendige Auseinandersetzung mit dem kybernetischen Menschenbild.

Wir rufen die Nutzer sozialer Netzwerke, Lehrer, Pfarrer, Politiker und Medien dazu auf, das ihre dazu beizutragen, diese Einseitigkeit zu überwinden und damit die Chance zu erhöhen, dass wir es sind, die die digitalen Techniken beherrschen und nicht sie uns.

Gelingen kann das aber nur, wenn immer mehr Menschen sich den Strategien der smarten Diktatoren verweigern. Wenn sich über alle Grenzen hinweg alle Davids ihrer Macht bewusst werden im Kampf gegen die Goliaths aus einem trockenen kalifornischen Tal. Wenn die westliche Intellektuelle mit dem östlichen Bürgerrechtler, Atheisten mit Christen, Junge mit Alten, der Lehrer mit der dekorierten Professorin, die Schriftstellerin mit dem Techniker gemeinsame Sache machen. Wir dürfen die Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag im digitalen Zeitalter nicht den Experten und schon gar nicht denen, die sich mit Start-Ups eine goldene Nase verdienen, überlassen. Eine breite zivilgesellschaftliche Debatte ist notwendig. Demokratie ist Herrschaft der Laien, oder sie ist nicht.

Die Erfahrungen von 1989, als ebenfalls Menschen sehr unterschiedlicher Milieus zusammenfanden, sind ermutigend: Diktatoren, die sich ihrer Macht ganz sicher sind, können gestürzt werden. Auch damals gab es immer wieder Momente, wo der Einzelne verzagte. Aber dann stellten sich günstige politische Rahmenbedingungen ein, die von der politischen Opposition zielstrebig genutzt werden konnten – und plötzlich erwiesen sich die angeblich so allmächtigen Parteibonzen als Scheinriesen. Bei der Kernkraft war’s nicht anders. Wer hätte 1970 gedacht, dass sie noch zu unseren Lebzeiten abgeschaltet wird – und dann auch noch unter der Ägide einer Kanzlerin, die einer Partei angehört, die sich jahrzehntelang für diese Art der Energiegewinnung stark gemacht hatte?

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Auch Google, Amazon und ihre Vettern und Cousinen sind Scheinriesen, sie wissen es nur noch nicht! Sobald immer mehr Menschen sich über ihre Geschäftsmodelle aufregen und ihre diktatorischen Intentionen durchschauen, beginnen sie erbärmlich zu schrumpfen. Der Lauf der Geschichte lässt sich nicht errechnen. Wir sind es, die ihn beeinflussen. Es gibt viel, viel mehr analoge Davids als digitale Goliaths.

Als ich die Rohfassung des Manifests Der Mensch ist keine Maschine schrieb, beendete ich es mit dem Satz: „Worauf warten wir noch?“. Ein paar Wochen später entdeckte ich das Digital-Manifest einiger Experten, das 2016 in einem Sonderheft der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft veröffentlicht wurde[49]. Zweifellos ergänzen sich die beiden Manifeste. Das eine ist eher von Experten für stärker naturwissenschaftlich Vorgebildete geschrieben, das unsere ist ein Text, der von engagierten Laien mit spezifischen historischen Erfahrungen für ein breiteres Publikum verfasst wurde. Wenn der Prozess der Digitalisierung totalitäre Züge annimmt, werden sich nicht nur Digitalexperten zu Wort melden, sondern auch Bürger. Und die sind in der Regel digitale Laien. Und so muss es auch sein, denn, wie gesagt: Demokratie ist Herrschaft der Laien – oder sie ist nicht. Sie ist keine Expertokratie.

Was mich allerdings verblüffte, das war der Schluss des alternativen Digitalmanifests. Dieses endet nämlich ebenfalls mit dem Satz: „Worauf warten wir noch?“. Offensichtlich haben viele dasselbe Gefühl – nämlich, dass es unfasslich ist, wie weit es mit der unkontrollierten und von wenigen Firmen gesteuerten Digitalisierung unseres Lebens und unserer gesellschaftlichen Umgangsformen kommen konnte, ohne dass sich ernsthafter Widerstand regte. Diese Fassungslosigkeit, gepaart mit dem Wunsch, keine Zeit mehr zu verlieren, führte bei den Verfassern beider Manifeste zu dieser drängenden Frage, die man deshalb nur wiederholen kann:

Worauf warten wir noch?

 

 

 

Anmerkungen:

[1] Die Serie lässt sich noch unter https://www.arte.tv/de/videos/RC-015228/homo-digitalis/ bis 2023 abrufen

[2] Alle Angaben sind dem Homöopathischen Repetitorium der Deutschen Homöopathie-Union, Karlsruhe 1992, entnommen

[3] Bezeichnender Weise haben mehrere der Unterzeichner versucht, neue Formate zu entwickeln, um mit solchen Bürgern wieder ins Gespräch zu kommen, die sich von der Politik nicht mehr vertreten fühlten und deshalb etwa auf Pegida-Demonstrationen zu finden waren. Bekannt geworden ist besonders Frank Richter, der diese Erfahrungen in einer Streitschrift veröffentlichte: Hört endlich zu! Weil Demokratie Auseinandersetzung braucht, Berlin 2018

[4] Chorlied zu Beginn des 2. Aktes der Antigone

[5] Der Spiegel 2/2018, S. 104 ff

[6] https://youtu.be/3wrGv4tzKR4

[7] in Ulrich Eberl, Smarte Maschinen, München 2016

[8] Frankfurt/Main 2013

[9] ZEIT Nr. 1/2016

[10] Marco Wehr, Die Schnittstelle im Kopf, in: FAZ vom 25.5.2016

[11] John Brockmann, Was sollen wir von künstlicher Intelligenz halten? New York 2015, dt. Fassung Frankfurt/Main 2017. Carrolls Gedanken zum Thema finden sich auf S. 90

[12] ebenda, S. 529

[13] ebenda, S. 479

[14] Max Tegmark verachtet den so genannten „Kohlenstoff-Chauvinismus“, „jene arrogante Haltung, nach der Dinge nicht intelligent sein können, wenn sie nicht irgendwie auf Kohlenstoff basieren“. Aus: FAZ vom 27.11.2017, „Die Menschheit kann erblühen wie nie zuvor“. – Aber ist das überhaupt der wesentliche Unterschied?

[15] Brockman, a.a.O., S. 400

[16] so der Philosoph Thomas Metzinger, der ausgerechnet in der Dunkelheit des „Ego-Tunnels“ das Licht des Bewusstseins entdeckt haben will. Der Ego-Tunnel, Original 2009 New York, dt. 2009 Berlin

[17] das Wort findet sich bei Timotheus Höttges – vgl. oben – obwohl Roboter grade nicht geboren werden!

[18] Philip Blom, Der taumelnde Kontinent, München 2009 (Original Großbritannien 2008)

[19] „Siebenhundert Männer und Frauen aus der gesamten zivilisierten Welt, Ärzte und Universitätsprofessoren, Politiker und Biologen, Theologen und Feministinnen, Sozialreformer, Philosophen, Statistiker, Anthropologen und bedeutende Naturwissenschaftler, hatten sich in den Vorlesungssälen und Korridoren des University College in London versammelt, um über eine Idee zu diskutieren, die sie als die Grundlage einer besseren Zukunft ansahen: die genetische Verbesserung der menschlichen Rasse.“ (a.a.O., S. 388)

[20] Original: Hereditary Genius, 1869, neu aufgelegt 1892

[21] in seiner Schrift Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen

[22] Blom, a.a.O., S. 398 f.

[23] So in einem Eintrag von Sibylle Gaßner auf der Seite silicon.de unter dem Titel Die unsympathische Seite des Mark Zuckerberg nachzulesen.

[24] Digitalisierung zerstört 3,4 Millionen Stellen, FAZ 02.02.2018

[25] Laura Meschede, Die Mensch-Maschine, Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 12/2018 vom 23. März

[26] Als der Wiener Jurist Max Schrems den Prozess gegen Facebook gewonnen hatte, in dem er Einsicht in die dort gespeicherten Daten eingeklagt hatte, bekam er eine PDF-Datei, die ausgedruckt 1222 Seiten umfasste. Freilich: Schrems hatte Facebook ganz freiwillig genutzt.

[27] Christoph Keese, Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt. München 2014, tb 2016

[28] Vgl. dazu z.B. Harald Welzer, Die smarte Diktatur. Frankfurt/Main 2016, Kapitel 5: Das Selbst als Redundanzmaschine

[29] aus: China plant die totale Überwachung von Hendrik Ankenbrand in: FAZ vom 22.11.2017

[30] Schlecky Silberstein, Das Internet muss weg, München 2018, S. 147

[31] ebenda, S. 59

[32] Adam Alter, Unwiderstehlich. Der Aufstieg suchterzeugender Technologien und das Geschäft mit unserer Abhängigkeit. New York 2017, dt. München 2018, S. 25

[33] Rehbein, F., Kleimann, M., Mössle, T. (2009). Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter: Empirische Befunde zu Ursachen, Diagnostik und Komorbiditäten unter besonderer Berücksichtigung spielimmanenter Abhängigkeitsmerkmale. KFN-Forschungsbericht Nr. 108. Hannover: KFN.

[34] Alter, S. 132

[35] Vgl. Alter, S. 237

[36] Alter, S. 232

[37] Vgl. dazu Niklas Maak, Auch das Internet hat einen Auspuff, FAZ vom 13.01.2018

[38] Harald Welzer, a.a.O., S. 65

[39] Edward O. Wilson, Die Einheit des Wissens, Berlin 1998. Originalausgabe New York 1998, S. 330

[40] Viele schöne Ideen finden sich in dem Buch von Andre Wilkens: Analog ist das neue Bio – Taschenbuchausgabe bei Fischer 2017. Auch Harald Welzer reserviert das letzte Kapitel seines Buchs Die smarte Diktatur (a.a.O.) für solche Tipps. Und der junge Blogger Schlecky Silberstein beschließt sein Buch Das Internet muss weg ebenfalls mit hilfreichen Vorschlägen. Um notwendige Anpassungen unserer Gesetze kümmern sich besonders die Verfasser der „Charta der digitalen Grundrechte der europäischen Union“, die im Internet abrufbar ist.

[41] Beispielsweise tauschen manche Gymnasien die gute alte Kreidetafel gegen Whiteboards aus, diesen Wurmfortsatz der Technikgeschichte, – die ungleich billigere Kombination von Beamer und Laptop kann nahezu alles, was Whitebords leisten, stürzt allerdings nicht ganz so oft ab. Sollte man nicht Schüler wie Lehrer animieren, einer noch einzurichtenden Sammelstelle von all diesen Abstürzen zu berichten, um den teuren Unsinn wenigstens öffentlich zu machen?

[42] „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ sagt Mephistopheles über sich selber. Diese teuflische Devise übernimmt Faust gerne. Allerdings sterben allein im ersten Teil der Tragödie Gretchen, ihr Bruder und das gemeinsame Kind. Viel Gutes bleibt da nicht übrig.

[43] dito, S. 273.

[44] Vgl. SZ vom 16.04.18

[45] Diese Sätze werden vielfach zitiert, zum Beispiel von Matthias Döpfner in seinem offenen Brief an Eric Schmidt – abgedruckt in der FAZ vom 16.04.2014

[46] Dem Schluss unseres Manifests ist wenig hinzuzufügen. Aber nach all den Erklärungen und Illustrationen des Begleittextes erscheint es nur stimmig, die letzten Absätze, ergänzt um wenige Zusätze und Fußnoten, zu wiederholen.

[47] zitiert nach Keese, a.a.O., S. 268 – auch im Internet zu finden

[48] Lanier weiß, wovon er spricht, wenn er diesen Begriff verwendet. Seine Mutter überlebte knapp die Inhaftierung in einem Konzentrationslager, der Vater war als Kind mit seinen Eltern vor Pogromen gegen die Juden aus der Ukraine in die USA geflohen.

[49] Jeder, der es sucht, findet dieses Digital-Manifest im Internet, und erfreulicher Weise hat es die Zeitschrift gratis zum downloaden bereitgestellt.